Dr. Josef Spindelböck

Predigt I am Hochfest der Geburt des Herrn
Weihnachten 2004

Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wie den Hirten wird auch uns in dieser hochheiligen Nacht die frohe Botschaft durch die Engel verkündet: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ (Lk 2,10-11) Ja, ein Kind ist uns geboren, ein Sohn, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht (vgl. Jes 9,5).

Gelingt es uns, das zu begreifen? Sind wir überhaupt fähig dazu, zum Zentralgeheimnis von Weihnachten vorzudringen? Als damals vor 2000 Jahren das große Ereignis geschah und der Sohn Gottes geboren wurde als „Menschensohn“, da gab es keine feierliche Begrüßung durch die Großen dieser Welt. Das Jesuskind wurde nicht in einem luxuriösen Palast geboren, sondern außerhalb der Herberge an einem Ort, wo sonst die Tiere ihre Unterkunft finden. Armut prägte das Kommen des Erlösers in unsere Welt. Wir wollen das kaum glauben, wenn wir uns an diesem Tag gegenseitig beschenken und uns so vieler schöner Dinge erfreuen können. Die Frage ist nur, ob wir begreifen können, was den eigentlichen Sinngehalt des Weihnachtsfestes ausmacht.

Der Sinn von Weihnachten liegt sicher nicht im Kaufrausch und im egoistischen An-Sich-Raffen aller möglichen Dinge, sondern vor allem in der liebevollen Zuwendung, da auch Gott sich uns endgültig zugewandt hat in der Menschwerdung seines Sohnes. Der Sinn von Weihnachten wird im Kind in der Krippe offenbar, wo uns die Liebe Gottes begegnet. Wir können hier nur stille werden, niederknien und anbeten! Denn Großes hat der Herr an uns getan. Eben darüber freuen wir uns, und darum beschenken wir uns auch gegenseitig zu Weihnachten, weil uns Gott in seiner Liebe das größte Geschenk gemacht hat, das möglich ist: Er hat sich uns selbst geschenkt in seinem Sohn Jesus Christus, der als Mensch zu uns gekommen ist!

Etwas Besonderes ist uns mit diesem Kind in der Krippe verheißen – die Engel verkünden es uns: „Friede auf Erden bei den Menschen seiner Gnade“ (vgl. Lk 2,14). Schon damals vor 2000 Jahren gab es viele Kriege und Auseinandersetzungen unter den Völkern. Ja, es wurde die Geburt des Jesuskindes selbst zum Anlass für Eifersucht, Streit und Mord. Denken wir nur an Herodes, der sein Königtum durch die Geburt des Messiaskindes in Frage gestellt sah und deshalb beschloss, es zu töten. Die Folge war jener Kindermord von Bethlehem, bei dem alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren getötet wurden (vgl. Mt 2,16-18). Auch die gegenwärtige Weltsituation kennt Kriege und Terror, Streit und Auseinandersetzungen, oft bis in die Familien hinein; auch wir kennen leider einen Kindermord besonderer Art, wenn wir an das staatlich ermöglichte Unrecht der Abtreibung ungeborener Kinder bedenken. Ja, es gehört vielleicht nicht zum „guten Ton“, das in dieser so heiligen Nacht zu erwähnen. Es muss uns aber bewusst sein, dass Unrecht jeder Art ein Hindernis ist, um diesen Weihnachtsfrieden zu empfangen, den uns Gott schenken will. So geht es uns nicht darum, jemanden anzuklagen, sondern allen Menschen das Heil in Gott anzubieten, damit jede Form von Unrecht ein Ende findet und Friede einkehrt auf Erden, beginnend in unserem Herzen.

Gehen wir also mit Glauben, Liebe und Vertrauen zur Krippe! Schenken wir dem Jesuskind alles, was wir haben: unser Herz mit allem Guten, aber auch mit allen Fehlern und Sünden. Jesus Christus wird uns annehmen, da er gekommen ist, um als Mensch sein Los mit uns zu teilen. Jesus ist der Herr und Retter, der Messias. Er ist von Gott gesandt, um uns das ewige und selige Leben zu schenken. Er wird die Menschen von ihren Sünden erlösen und ihnen den wirklichen Frieden mit Gott und untereinander schenken. Nicht Macht und Herrschaft wird dieses Kind anstreben, sondern es wird bereit sein zum Opfergang bis ans Kreuz. Hingabe und Liebe werden das Leben des Erlösers bestimmen. Er wird den Menschen Kunde bringen von der Liebe des himmlischen Vaters und ihnen im Heiligen Geist die Nähe des Reiches Gottes verkünden, das mit ihm angebrochen ist. Die Fülle der Zeit ist gekommen. Auch wenn nur wenige es wissen und fast niemand es bemerkt: Die Welt hat ihren Lauf geändert. Nach dem Ereignis von Bethlehem ist nichts mehr so, wie es früher war. „Seht, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5)

In dieser heiligen Nacht ist ein Licht aufgestrahlt: Es kommt von der Krippe und lädt uns ein, dass wir uns von der Liebe des Jesuskindes beschenken lassen. Die heilige Maria, seine Mutter, und der heilige Josef, der väterliche Beschützer des Jesuskindes, mögen uns bereit machen für das große Geheimnis, das wir feiern dürfen! Amen. 

 

·        Predigt II am Weihnachtsfest 2004

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