Dr. Josef Spindelböck

Predigt II am Hochfest der Geburt des Herrn
Weihnachten 2004

Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Was würden wir jemandem sagen, der uns fragt: „Was feiert ihr eigentlich zu Weihnachten?“ Hören wir dazu folgende Geschichte:

Da kommt jemand von weit, weit her, gleichsam von einem fern Stern, auf unsere Erde und bemerkt das geschäftige Treiben der Menschen in der Advent- und Weihnachtszeit. „Da rührt sich etwas, da tut sich vieles“, denkt er sich. „Was kann das wohl bedeuten?“ Eine Zeit lang beobachtet dieser Besucher das Geschehen. Dann fasst er sich ein Herz und fragt den Nächstbesten: „Sag mir, was geschieht hier eigentlich? Worauf bereiten sich die Menschen vor? Was wird hier gefeiert?“ Die Antwort lautet: „Ja, weißt Du denn nicht, dass man hier Weihnachten feiert?“ Der Fragende, der überhaupt nicht Bescheid weißt, gibt sich mit dieser so selbstverständlich klingenden Antwort nicht zufrieden. Er beschließt weiterzufragen und dem Geheimnis von Weihnachten auf den Grund zu gehen. Was verbirgt sich wohl hinter diesem Fest?

So fragt unser Besucher aus der Ferne die nächste Person. Es ist eine Frau, und sie sagt zum Sinn des Weihnachtsfestes folgendes: „Weihnachten ist das Fest der Geschenke. Wir beschenken uns gegenseitig.“ „Aha“, denkt sich der Fremde, „so bin ich wieder ein Stück klüger geworden. Aber warum beschenkt man sich ausgerechnet zu Weihnachten?“ Dass sich Menschen beschenken, wenn sie einander gern haben oder etwas feiern, ist unserem Besucher inzwischen schon klar geworden. Aber warum ausgerechnet zu Weihnachten? Warum nicht irgendwann im Sommer? Die nächste Antwort, die er auf seine Frage erhält, lautet: „Weil es so schön ist.“ Der Gast gibt nicht auf und versucht es bei einem Kind. Er erhält die Antwort: „Zu Weihnachten kommt – der Weihnachtsmann.“ „Soso“, denkt sich der Fremde, „wer ist wohl dieser Weihnachtsmann?“ Er fragt weiter, und immer wieder erhält er ähnliche Antworten. Ab und zu sagt jemand, zu Weihnachten komme – nicht der Weihnachtsmann, sondern: „das Christkind“. Das ist aber seltsam! Was hat denn das Christkind mit Weihnachten zu tun?

Schließlich, es ist schon Nacht geworden, kommt der Gast aus der Ferne an einer Kirche vorbei. Es ist gerade die Zeit der feierlichen Christmette. Er sieht das Licht, das aus der Kirche kommt, und hört den weihnachtlichen Gesang. Er tritt ein und sieht die Krippe mit dem Jesuskind und mit Maria und Josef. Dann hört er die Texte der heiligen Liturgie. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ (Jes 9,5). Mit der Zeit begreift unser Fremder, dass die Menschen heute den Geburtstag eines Kindes feiern, das vor 2000 Jahren auf die Welt gekommen ist. Dieses Kind trägt den Namen „Jesus“. Als es größer wurde und als erwachsener Mann unter den Menschen lebte, nannten ihn seine Jünger und Freunde den „Herrn Jesus Christus“. Von daher wird wohl der Name „Christ-Kind“ kommen, denkt sich der Besucher. „Christus als Kind: das ist das Christkind. Ja, jetzt verstehe ich es. Heute hat dieses Christus-Kind Geburtstag, und darum freuen sich die Menschen, weil es ihnen den Frieden verkündet hat. Gott selber ist in diesem Kind zu den Menschen gekommen, er ist Mensch geworden und hat sie in Liebe angenommen.“

An einem solchen Geburtstag muss man sich doch freuen. Da dürfen auch die Geschenke nicht fehlen.Das Wichtigste aber an diesem Tag sind nicht die Geschenke, sondern der Glaube ans Christkind“, denkt sich der Fremde und verlässt nachdenklich und dankbar zugleich das Gotteshaus. Es wäre ja schade, meinte unser Gast hernach, wenn nur mehr Weihnachten aus Tradition gefeiert würde, und niemand wüsste noch, wessen Geburtstag die Menschen eigentlich begehen und worüber sie sich wirklich freuen. Darum schien es diesem Gast aus der Ferne am Wichtigsten, bei der Krippe zu verweilen und betend nachzudenken über jenes wunderbare Geheimnis, in dem Gott Mensch wurde und uns als das Kind von Bethlehem den Frieden und die Versöhnung schenkte.

 

·        Predigt I am Weihnachtsfest 2004

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