Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt für Allerheiligen
1. November 1998

L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Der heutige Festtag "Allerheiligen" hat einen doppelten Charakter. Am Vormittag – jetzt bei dieser Messe also – feiern wir alle Heiligen des Himmels und danken Gott dafür, daß er so viele Menschen "aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen" auserwählt hat (vgl. Offb 7,9). Der Jubel ist groß im Himmel, und wir dürfen uns mit all denen freuen, die das Ziel der seligen Vollendung in Gott bereits erreicht haben, zu dem wir noch unterwegs sind!

Der Nachmittag dieses Tages ist vielerorts geprägt durch den Friedhofsgang und das Gebet für die Verstorbenen. Wenn wir heute und morgen – am Fest "Allerseelen" – für die Seelen aller Verstorbenen beten, so ist dies ein Zeichen der Verbundenheit über den Tod hinaus mit all denen, die unter uns gelebt haben und die wir gekannt und geliebt haben. Gott möge sie aus dem Reinigungsort, dem Fegefeuer, befreien und sie aufnehmen in sein himmlisches Reich – das ist der Inhalt unseres fürbittenden Gebetes für unsere Verstorbenen!

Etwas sollen wir uns immer bewußt machen, wenn wir von "Heiligkeit" sprechen: Es handelt sich um den Lebensbereich, um eine Wesenseigenschaft Gottes selbst. Gott allein ist der Heilige schlechthin. Als der Prophet Jesaja von Gott berufen wurde, sah er die Seraphim vor Gottes Thron. Diese riefen einander zu: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt" (Jes 6,3). Angesichts dieser Herrlichkeit Gottes fühlte sich der Prophet wie verloren. Doch wurde er von Gott gereinigt und konnte so die Nähe des heiligen Gottes aushalten. Auch Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist der "Heilige Gottes", wie ihn Petrus nennt (Joh 6,63). Das läßt uns in Ehrfurcht ahnen, vor wem wir stehen, wenn wir uns an Gott wenden. Gott ist das Leben in Fülle, bei ihm ist die Macht und die Herrlichkeit, kein Makel ist an ihm, er allein ist ganz rein und heilig!

Auf diesem Hintergrund erscheint es uns wie eine Überforderung, wenn uns Gott dazu aufruft, heilig zu werden: "Seid heilig, denn ich bin heilig!" (Lev 19,2; vgl. 1 Petr 1,16). Wäre darunter in erster Linie eine sittliche Anstrengung zu verstehen, so müßten wir alle entmutigt aufgeben. Denn niemals wird uns aus eigener Kraft gelingen, was Gott von uns möchte!

Anders wird die Sache aber, wenn wir bedenken, daß der Anfang des Guten, der Anfang der Heiligkeit nicht bei uns Menschen liegt, sondern bei Gott. Er hat uns in der Taufe geheiligt und von allen Sünden gereinigt, "nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist", wie es im Brief des Apostels Paulus an Titus heißt (Tit 3,5). Der neue Anfang in Heiligkeit und Gerechtigkeit ist also bereits gesetzt. Auf diesem Fundament dürfen wir weiterbauen. Der Quell der Gnade und des Erbarmens, den wir empfangen haben als unverdientes Geschenk der Liebe Gottes, soll Frucht bringen in unserem Leben. Die guten Werke, die uns Gott schenkt, um sie zu vollbringen, sind nicht in erster Linie eigene Leistung des Menschen, sondern eine Form der Mitwirkung mit seiner alles ermöglichenden und tragenden Gnade.

Soviel sind wir in den Augen Gottes wert, daß er uns seine Kinder nennt. Wir sind wahrhaft heilig, da uns Gott geheiligt hat. Der seinsmäßigen Heiligkeit als Kinder Gottes muß ein heiliges Leben in Einklang mit den Geboten Gottes entsprechen. "Denn die Liebe zu Gott besteht darin, daß wir seine Gebote halten. Seine Gebote sind nicht schwer." (1 Joh 5,3). Sie sind nicht schwer für den Menschen, der liebt. Sie sind nicht schwer, wenn uns Gott die Kraft gibt, sie zu halten. Eben darum beten wir und empfangen die Sakramente, daß wir von Gott die Gnade erhalten, nach seinem Willen zu leben und einst zu sterben.

Denn wer in der Gnade Gottes lebt und stirbt, wird das Heil bei Gott erlangen. Dieser Mensch ist auch nach dem Tod wahrhaft selig, denn er darf Gott schauen, wie er ist. Die heiligmachende Gnade setzt sich fort in der ewigen Herrlichkeit bei Gott. So feiern wir heute jene unzählbare Schar an Menschen, die der heilige Gott bereits zu sich gerufen und vollendet hat in der himmlischen Seligkeit. Auch unser Ziel ist der Himmel, dort ist uns eine ewige Heimat bei Gott bereitet. Bitten wir alle Engel und Heiligen um ihre Fürsprache, damit wir einst Gott schauen dürfen in der Gemeinschaft aller Heiligen. Amen.
 



 


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