Dr. Josef Spindelböck
Predigt für Allerheiligen
1. November 2001
L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a
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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das römische Martyrologium – das ist das Verzeichnis aller Heiligen und Seligen, derer die Kirche offiziell gedenkt – umfaßt inzwischen 6.538 Einträge. Es sind Personen, von denen die Kirche erklärt, daß sie das Ziel ihres Lebens, die Anschauung Gottes und die Gemeinschaft mit Gott und allen Vollendeten im Himmel, mit Sicherheit erreicht haben. Wir dürfen sie verehren, als Vorbilder ansehen und um ihre Fürsprache anrufen!
Doch das heutige Hochfest „Allerheiligen“ weitet diesen Kreis aus: Denn nicht nur die von der Kirche offiziell anerkannten Heiligen und Seligen werden an diesem Fest gefeiert, sondern wirklich „alle Heiligen“, d.h. alle Menschen, die zum Ziel der ewigen Vollendung in Gott erreicht sind, die also bereits in der himmlischen Herrlichkeit leben dürfen. Es ist eine unvorstellbar große Schar aus allen Völkern und Nationen, die jetzt vor Gott stehen und ihn loben und preisen in Ewigkeit.
Werden auch wir einmal dazugehören? Das heutige Fest ist ein Fest der Hoffnung auf Heil und Erlösung für alle, die die Liebe Gottes annehmen. Gott schließt niemanden zum Heile aus: Christus ist wirklich für alle Menschen am Kreuz gestorben, und Gott will, daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen und gerettet werden. Es ist also kein Heilspessimismus, den die Kirche vertritt, sondern – recht verstanden – ein Heilsoptimismus, der uns hoffen läßt für einen jeden: für unsere Angehörigen, Verwandten und Freunde, für die Bekannten und Unbekannten, vor allem auch für uns selbst! Umgekehrt gilt natürlich auch: Gott zwingt niemanden zum ewigen Glück. Der Mensch kann des Heilsangebotes Gottes durch eigene Schuld auf ewig verlustig gehen.
Die Frage, die an uns herantritt, lautet aber: Wie werden wir heilig? Wie kann unser Leben so gelingen, daß wir von Gott angenommen werden und im Himmel die unverlierbare Gemeinschaft der Liebe und des Lebens mit ihm und untereinander erfahren dürfen?
Es ist nicht schwer, heilig zu werden, sagt uns der katholische Glaube. Denn sind wir auch schwach und unvollkommen und manchmal mit Sünden behaftet, so ist doch Gottes Gnade und Erbarmen übergroß. Bei Gott ist nichts unmöglich – auch nicht, daß wir das Heil erlangen!
Drei Dinge sind es, wo wir uns besonders bemühen sollen – nicht im Blick auf die eigene Leistung und Fähigkeit, sondern vielmehr im demütigen Vertrauen auf Gottes Gnade: 1) Wir sollen den Glauben annehmen, 2) ihn ins Leben gemäß den Geboten Gottes umsetzen und 3) schließlich unsere ganz persönliche Berufung entdecken und zu leben versuchen.
Der Glaube: Es ist ein Geschenk der Gnade Gottes, daß wir an Gott, den Allmächtigen und Barmherzigen, glauben dürfen. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat uns durch sein Leben und Sterben und durch seine Auferstehung den Weg dazu eröffnet. Er hat uns den Heiligen Geist gesandt, sodaß wir den einen Gott in drei Personen bekennen. Das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung läßt uns auch in schwierigen Lebenssituationen hoffnungsvoll durchhalten und unser Leben bestehen.
Das christliche Leben soll dem Glauben, den wir bekennen, entsprechen. Unser Lehrmeister und unser Vorbild, dem wir nachfolgen, ist unser Herr Jesus Christus. Er hat die zehn Gebote Gottes nicht aufgehoben, die das Volk Israel durch Mose erhalten hat, sondern ihren Sinn vertieft und sie im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe vollendet. Seine Gnade gibt uns die Kraft, die Sünde zu meiden und das Gute zu tun. Wenn wir versagt haben, wenden wir uns vertrauensvoll an Gottes Barmherzigkeit im Sakrament der Buße!
Schließlich soll ein jeder von uns seine ganz persönliche Berufung entdecken und zu leben suchen. Gott liebt uns und spricht uns mit Namen an. Er hat uns an einen bestimmten Platz im Leben gestellt, an dem wir unsere Talente und Fähigkeiten verwirklichen sollen, im Dienst der Menschen, zur eigenen Vollendung und zur Ehre Gottes! Ob wir nun in Ehe und Familie leben, ob wir in einem weltlichen Beruf ehelos sind oder Gott im Priester- oder Ordensstand dienen – immer kommt es auf das Maß unserer Liebe an, die die grundlegende christliche Berufung ist. Nach ihr werden wir einst auch gerichtet werden. Heilig ist jener Mensch, der die Vollkommenheit in der Liebe erlangt hat.
Wir wollen uns heute auch besonders an die Königin aller Heiligen, die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria wenden! Sie möchte auch uns durch ihre mütterliche Hilfe und Fürbitte dorthin führen, wo sie selbst jetzt sein darf: ins ewige Glück und in die Herrlichkeit der göttlichen Liebe. Amen.