Dr. Josef Spindelböck
Predigt beim Jahresschlußgottesdienst
am 31.12.2000
L: 1 Joh 2,18-21; Ev: Joh 1,1-18
Die Meßtexte im vollen Wortlaut: Schott-Meßbuch online
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Am letzten Tag des Jahres halten wir Rückschau auf das Vergangene. Ein Jahreswechsel ist irgendwie ein Wendepunkt in unserem Leben. Auch wenn wir wissen, daß vieles sich in gleicher Weise fortsetzt wie zuvor, so spüren wir doch zugleich, daß manches sich gewandelt hat. Es wird uns dies oder jenes tiefer bewußt, was uns im vergangenen Jahr widerfahren ist, was wir erlebt haben oder auch, was uns möglicherweise im kommenden Jahr bevorsteht!
Was kann uns der christliche Glaube in dieser Stunde sagen? Wir alle spüren, daß unser Leben in Gottes Hand liegt – sonst wären wir nicht hier und hätten nicht das Bedürfnis, Gott dem Herrn für alles Vergangene zu danken und ihn um seinen Schutz und Segen für die Zukunft zu bitten.
Unsere Zeit läuft zwar ab und vergeht, doch sie ruht in Gottes Ewigkeit. So erfüllt uns zugleich mit der Traurigkeit über alles Vergängliche die Hoffnung auf das Bleibende. Gottes Versprechen, das er uns in seinem menschgewordenen Sohn Jesus Christus gegeben hat, lautet: Nichts von alledem, was wertvoll ist, was dir etwas bedeutet hat in deinem Leben, ist endgültig vergangen. Du kannst es in Gott wiederfinden, und es wird dir nicht mehr genommen werden!
Auf diese Weise läßt uns die Glaubensentscheidung, die Hingabe des Herzens an Gott, einen Standpunkt gewinnen jenseits der Zeit, die vergeht. Wir leben zwar weiterhin in der Welt, sind aber nicht mehr von der Welt. Unser Herz ist dort verankert, wo die wahren Freuden sind. Dort ist unser Schatz, wo weder Rost noch Motten ihn zerstören können: in der Herrlichkeit Gottes, der die Liebe und das Leben ist!
Spüren wir nicht, liebe Gläubige, daß wir in der Gewißheit unseres Glaubens das Leben viel gelassener annehmen können als wir es vielleicht manchmal tun? Vieles von dem, was vergeht und was wir mit Recht betrauern, muß vergehen, damit das Bleibende kommt. Immer wenn uns Gott etwas nimmt, dann tut er dies nur, um uns noch Größeres zu schenken. Würden wir ihm doch gerade in schweren Stunden unser ganzes Vertrauen schenken, unsere ganze Liebe - wir würden gewiß nicht enttäuscht werden!
Vielleicht haben wir einen lieben Menschen verloren in diesem Jahr, der uns durch den Tod entrissen wurde. Hier gilt jedenfalls: Für einen Menschen gibt es keinen Ersatz! Er kann durch nichts und niemanden ersetzt und aufgewogen werden. Das „Du“ des Mitmenschen, der uns begegnet ist, der uns geliebt hat, ist zu kostbar, um für immer verloren zu gehen. Die rettende Liebe unseres Gottes, die uns in seinem Sohn Jesus Christus erschienen ist, sagt uns: Die Hoffnung des Herzens auf ein Wiedersehen mit den geliebten Menschen, die verstorben sind, ist nicht leer. Gottes Allmacht wird sie einst erfüllen auf eine Weise, die wir uns nicht vorstellen können! Gott ist größer als unser Herz.
So wollen wir heute Gott danken und ihn bitten. Wir beten für uns selber und für alle unsere Lieben, für die Lebenden und die Verstorbenen. Gott möge alles zum Guten wenden, was begonnen wurde und wo wir selber versagt haben. Seine Gnade und sein Erbarmen ist größer als all unsere Schuld.
Am 1. Jänner feiert die Kirche das Hochfest der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Sie war die Pforte, durch die der Erlöser in die Welt eingetreten ist. Wenn sie am Anfang des bürgerlichen Jahres steht (und diesmal sogar am Anfang eines neuen Jahrtausends!), dann soll uns das mit Hoffnung erfüllen. In mütterlicher Liebe steht sie auch uns bei. Ihre Fürbitte erwirkt uns bei Gott Gnade und Versöhnung, unter ihrem Schutz und Schirm gehen wir getrost und zuversichtlich in das neue Jahr und werden es auch in gläubiger Hoffnung bestehen!
Mit allen guten Wünschen füreinander nehmen wir Abschied vom Alten, um in gläubigem Vertrauen das Neue zu beginnen! Gott möge es einst vollenden in seiner Ewigkeit. Amen.