Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel (15. August 2000)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Fünfzig Jahre ist es her, seit der damalige Papst Pius XII. am 1. November 1950 feierlich verkündet hat, daß es „eine von Gott geoffenbarte Glaubenslehre“ ist, „daß die Unbefleckte Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“ (DzH 3902)
Dieser feierlichen Proklamation vorausgegangen waren unzählige Bittgesuche von Gläubigen, Priestern und Bischöfen an den Heiligen Stuhl, die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel zum förmlichen Dogma zu erheben. Unmittelbar zuvor hatte Papst Pius XII. den katholischen Weltepiskopat befragt, wie die Bischöfe zu einer feierlichen Dogmatisierung dieser Wahrheit stünden und ihre einhellige Zustimmung erhalten. Somit kann festgestellt werden: Der Papst hat mit dieser Verkündigung vor 50 Jahren nichts Neues in den Glauben der Kirche eingeführt, sondern nur das zu größerer Klarheit und Eindeutigkeit geführt, was im Glauben der Kirche immer schon vorhanden war und auch in der Liturgie der Kirche bereits seit langem gefeiert wurde.
Die Bezeichnung „Mariä Himmelfahrt“ – wie das Fest im Volksmund heißt – kann zu Mißverständnissen führen. Maria ist nämlich nicht aus eigener Kraft aufgefahren in den Himmel, sondern ihr göttlicher Sohn Jesus Christus hat sie aufgenommen zu sich. So ist es besser, von der „Aufnahme Mariens in den Himmel“ zu sprechen. Weil das Geheimnis, das wir heute feiern, also ein Werk Christi, ihres Sohnes, ist, darum ehren wir heute Gott, der so Großes an Maria getan hat, daß sie von allen Völkern seliggepriesen wird (vgl. Lk 1,49). Jesus ist wirklich der Erlöser der Menschen, und er erlöst uns von allem, was den Menschen entwürdigt, erniedrigt und knechtet: Das ist in erster Linie die Sünde, welche die Gemeinschaft mit Gott, mit den Menschen, die rechte Beziehung zur Natur sowie der Menschen zu sich selbst zerstört hat. Wovon wir erlöst werden müssen, das sind aber auch die Folgen der Sünde: nämlich Leid und Tod. Eben diesen Sieg hat Jesus Christus vollbracht durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt. Der Ostersieg Christi ist unser aller Anteil: Wir alle sind dazu berufen, teilzuhaben an der Herrlichkeit und am Leben des Auferstandenen!
Der heutige Festtag zeigt uns, daß bei Gott nichts unmöglich ist (vgl. Lk 1,37). An Maria, seiner heiligsten Mutter, hat Jesus Christus bereits vollbracht, was uns allen verheißen ist: Der Tod ist endgültig überwunden. Sie lebt für immer bei Gott, und zwar mit Leib und Seele!
Liebe Brüder und Schwestern! Ist das nicht eine frohe Botschaft für uns alle? Wir sind ja auf dieser Welt vielen Gefahren ausgesetzt und drohen leicht abzuweichen vom sicheren Weg auf unser letztes Ziel hin. Entweder daß man es sich hier auf Erden zu bequem einrichtet und meint, hier wäre schon das Paradies und die Vollendung, oder daß man – von unvermeidlichen Leiden und vom ständig lauernden Tod umgeben – den Mut verliert und meint, wir wären ohne Hoffnung. Beides ist falsch: Weder ist hier auf Erden schon die Vollendung unseres Hoffens und Sehnens zu finden, noch ist die Erde ein trostloser Ort. Im Glauben haben wir sichere Hoffnung. Das was uns Gott bereitet hat, ist bereits Wirklichkeit geworden in Jesus Christus und seiner heiligsten Mutter, der seligen Jungfrau Maria.
So ist auch uns Zukunft verheißen, Hoffnung und Zuversicht über den Tod hinaus. Auch unser Leib wird einst auferstehen. Wir sind berufen teilzuhaben am Glück des Himmels, wenn Gott alles vollenden wird.
So wollen wir Gott voll Vertrauen anrufen und zu ihm beten. Wir wenden uns ganz innig an unsere himmlische Mutter Maria. Sie hört uns und ist uns nicht fern. Trotz ihrer himmlischen Verherrlichung ist sie eine von uns geblieben. Ihrer Fürbitte dürfen wir uns ganz anempfehlen, ihrem liebenden Herzen können wir uns anvertrauen. Unter diesem Schutz und Schirm geborgen fürchten wir uns nicht: „Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8,38 f).
Gottes Liebe schenkt uns das Leben in Fülle und die ewige Vollendung. Daran glauben wir, daraus leben wir und in diesem Glauben mögen wir einst sterben, um so in die Seligkeit Gottes und seiner Heiligen einzugehen. Amen.