Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank

Predigt für den 11. Sonntag im Jahreskreis
15. Juni 1997 (Lesejahr B)


L 1: Ez 17,22-24; L 2: 2 Kor 5,6-10; Ev: Mk 4,26-34

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wie verhält es sich mit dem Reich Gottes, das uns Jesus Christus verkündet hat und in ihm bereits seinen Anfang genommen hat? Ist es auch für uns spürbar? Erfahren wir in unserem Leben wenigstens hin und wieder ein Stück von jener Erlösung, die uns durch den Tod und die Auferstehung Jesu zuteil wurde? Oder ist der Himmel so fern von uns, daß er für unser Leben praktisch keine Bedeutung hat?

In seinen Reden an die Menschen verwendete Jesus oft Gleichnisse. Es sind einfache, aber vielsagende Bilder aus der Natur oder dem Alltagsleben, die die geheimnisvolle Wirklichkeit des Reiches Gottes dem Herzen und dem Verständnis der Zuhörer nahebringen sollen.

Der Bauer, der den Samen auf den Acker sät und dann das Keimen und Wachsen beobachten kann, ohne daß er selbst etwas Entscheidendes dazu beiträgt, denn das Wachstum schenkt ein anderer - das ist ein solches Bild oder Gleichnis für das Reich Gottes. Der Same ist das Leben und die Liebe Gottes, die eingepflanzt worden ist in unsere Herzen. In der Taufe haben wir das göttliche Leben empfangen. Und dieses Leben mit Gott wächst in uns heran, ohne daß wir wissen wie. Das Reich Gottes ist schon unter uns, ja sogar in uns. Denn wir sind durch die Gnade der Taufe geheiligt und zu Kindern Gottes geworden. Das eigentliche Werk der Heiligung der Menschen wirkt jedoch Gott. Wir Menschen dürfen der Gnade Gottes kein Hindernis entgegensetzen. Der in uns eingepflanzte Same des göttlichen Lebens soll auf fruchtbaren Boden fallen, indem wir uns bemühen, die Freundschaft mit Gott zu erhalten und zu vertiefen, besonders durch das Gebet und den Empfang der Sakramente. Und einmal wird auch für uns die Zeit der Ernte sein. Jesus möchte, daß wir Frucht bringen in Werken des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe!

Noch ein anderes Bild verwendet Jesus, um das Wachstum des Reiches Gottes zu veranschaulichen: Das Himmelreich ist wie ein Senfkorn, das zuerst sehr klein ist, aber aufgeht und schließlich größer wird als alle anderen Gewächse. Ist es nicht auch in unserem Leben oft so? Was am Anfang klein und unscheinbar aussieht, wird mit der Zeit zu einem großen Baum. Das kleine Pflänzchen unserer Gottes- und Nächstenliebe, das schon in den getauften Kindern vorhanden ist, soll sich im Leben entfalten und bewähren, es soll heranwachsen zu einem festen Baum, der in den Stürmen des Lebens nicht entwurzelt wird, sondern im Gegenteil auch anderen die Möglichkeit bietet, Halt zu finden. Prüfen wir uns selber: Sind wir wie ein Baum, der heranwächst zur Fülle der Erlösung, oder sind wir manchmal eher wie ein Schilfrohr, das den Einflüssen von Wind und Wetter ungeschützt ausgesetzt ist und sich so dreht, wie es den geringsten Widerstand erfährt?

Das Reich Gottes besteht aus den einzelnen Gläubigen, die miteinander eine Gemeinschaft bilden in der Kirche. Auch die Geschichte der Ausbreitung des Christentums ist mit einem solchen Senfkorn, das zu einem Baum heranwächst, zu vergleichen: Am Anfang waren es nur wenige Menschen, die von Jesus überzeugt waren und seine Auferstehung verkündeten, mit der Bereitschaft, sogar dafür zu sterben. Die Kirche breitete sich aus, trotz aller Verfolgungen und auch trotz aller menschlichen Schwäche und Sündhaftigkeit, sodaß heute in aller Welt durch die Verkündigung des Wortes Gottes Zeugnis abgelegt wird von unserem Herrn Jesus Christus. Es ist Gott selber, der das Wachstum und Leben dieses großen Baumes der Kirche bewirkt.

Wir müssen uns freilich bewußt sein, daß das Reich Gottes noch nicht vollendet ist. Am Ende der Welt, wenn Jesus Christus wiederkommt in Herrlichkeit, dann wird Gott alles in allem sein und Jesus endgültig sein Reich aufrichten in den Herzen aller Menschen. Mögen wir dann Anteil erhalten an seiner ewigen Herrlichkeit. Wie er auf Erden den Menschen gedient hat und jetzt als König herrscht, so wollen auch wir Gott und den Menschen in Liebe dienen, um einst im Himmel mit Gott auf ewig vereint zu sein. Im Reiche Gottes wird es keine Trauer und keinen Schmerz mehr geben. Wir werden in der Gemeinschaft der Heiligen Gott schauen, wie er ist und uns ewig an seiner Liebe erfreuen. Amen.


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Gemeinschaft vom heiligen Josef