Kaplan Dr. Josef Spindelböck

 

Predigt am 20. Sonntag im Jahreskreis B

(20. August 2000)

 

L1: Spr 9,1-6; L2: Eph 5,15-20; Ev: Joh 6,51-58

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit und tägliche Notwendigkeit, daß wir etwas zu essen und zu trinken brauchen. Ohne Speise und Trank kann der Mensch nicht leben, geht er zugrunde. Es fehlt ihm ein wesentlicher Teil der Energiezufuhr für unseren Leib, der einem Kraftwerk gleicht, in dem die aufgenommenen Nährstoffe umgewandelt werden und sich so der Körper in seinen Zellen am Leben erhält, erneuert und regeneriert. Wo Menschen längere Zeit nicht oder nicht ausreichend zu essen haben, dort gehen sie zugrunde oder werden Opfer von vielerlei Mangelerscheinungen, Schwächen und Krankheiten.

Für unseren Leib ist es also eine Selbstverständlichkeit, daß wir gut für ihn sorgen. Gilt das aber in gleichem oder in noch höherem Maß auch für die Seele? Ist uns die eigene „Seel-Sorge“ zumindest genauso wichtig wie die für den Leib? Bei vielen Menschen trifft es ja leider zu, daß sie den Leib – den „Bruder Esel“, wie ihn Franziskus scherzhaft genannt hat – hegen und pflegen, für die Seele aber, also für das geistige und innere Leben, zu wenig Aufmerksamkeit verwenden. Dem Leib sieht man es bald an, wenn er nicht richtig ernährt wird. Wenn es der Seele schlecht geht, so bleibt dies lange verborgen, und nur wenige ahnen, was im Herzen eines Menschen vor sich gehen mag.

Jesus Christus, der Sohn Gottes, der wußte, was im Menschen ist, hat sich des ganzen Menschen angenommen: Er heilte viele Kranke und Leidende und trieb Dämonen aus. Seine Hauptsorge galt aber dem inneren Leben der Menschen, ihrer Seele, ihrer Beziehung zu Gott. Dazu ist er ja in die Welt gekommen, um alle Menschen zu lehren, welch köstliche Speise es für die Seele ist, den Willen Gottes zu tun! Er möchte uns Leben schenken, Leben in Fülle, das nicht darin besteht, daß man sich die Bäuche vollschlägt und bis zum Überdruß ißt und trinkt, sondern im Frieden des Herzens, in der Erfülltheit des inneren Menschen von der Liebe zu Gott und zu den Nächsten.

Ist es da verwunderlich, wenn wir erfahren, daß uns Jesus eine eigene „Seelenspeise“ geschenkt und hinterlassen hat? Er spricht vom „Brot des Lebens“, das er gibt, und er sagt, daß dies sein Fleisch ist für das Leben der Welt. Er nennt uns einen Trank für das ewige Leben: Es ist sein Blut, das er für uns aus Liebe am Kreuz vergossen hat. Ja, wir können sagen: Er selber, der wahre Mensch und Gott, unser Herr Jesus Christus, ist unsere Speise und unsere Nahrung geworden. Er hat sich uns selbst geschenkt unter den verwandelten Gaben von Brot und Wein und ist in der Heiligsten Eucharistie unsere Speise geworden.

Vor wenigen Tagen haben wir das Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel gefeiert. Bedenken wir dies: Jener Leib, den die Jungfrau Maria geboren hat, ist unter uns gegenwärtig unter der Gestalt des Brotes. Es ist der heiligste Leib Christi, den wir in Liebe und Ehrfurcht oftmals empfangen dürfen.

Wissen wir das genügend zu schätzen? Empfangen wir den Leib des Herrn mit Glaube und in Anbetung, oder gehen wir gedankenlos zur Heiligen Kommunion, weil es halt alle so tun? Prüfen wir uns selbst, ob wir recht vorbereitet sind, ob nicht in unserem Herzen etwas Ernstes dem Herrn entgegensteht – denn dann würden wir ihn zwar äußerlich empfangen – mit dem Munde –, aber nicht mit dem Herzen. Denn die himmlische Speise gereicht uns nur dann zu Heil und Segen, wenn wir sie in würdiger Weise empfangen.

Ja, freuen wir uns, daß der Herr so gut zu uns ist! Er schenkt uns Nahrung für Leib und Seele. Seine göttliche Vorsehung geleitet uns an jedem Tag. Die heilige Speise sei uns „Proviant“ für den Pilgerweg des Glaubens, den wir auf Erden gehen. Der heilige Leib des Herrn und sein Blut seien uns Nahrung und Heilmittel in den vielen Widrigkeiten und Schwierigkeiten des Lebens. Ist es nicht wunderbar vom Herrn zu hören, daß jeder, der seinen Leib ißt und sein Blut trinkt, in Christus bleibt und er in uns? Gott ist uns unsagbar nahe, denn er ist einer von uns geworden.

Durch die heilige Kommunion werden wir immer mehr einverleibt in seine Gemeinschaft, die wir „Kirche“ nennen. Denn die Kirche ist der mystische Leib Christi. So sollen wir alle gleichsam heranwachsen in Glaube und Liebe, bis wir zusammen mit ihm das „Vollalter Jesu Christi“ erreicht haben und Anteil erhalten an seiner himmlischen Herrlichkeit! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at