Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis B
(3. September 2000)
L 1: Dtn 4,1-2.6-8; L 2: Jak 1,17-18.21b-22.27; Ev: Mk 7,1-8.14-15.21-23
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Peinlich genau sind wir oft auf die Einhaltung hygienischer Vorschriften bedacht. Dies ist – so scheint es uns – keine übertriebene Sache, sondern ein Erfordernis der Gesundheit und der Sorge für den Körper und den Lebensraum. Auf diese Weise hoffen wir, die Ansteckungsgefahr für bestimmte Krankheiten gering zu halten. In den letzten Jahrzehnten ist auch das Bewußtsein der Verantwortung für eine saubere Umwelt bei vielen groß geworden. Die Welt um uns soll bewahrt werden vor der Verpestung durch Gifte und Abgase, wir möchten unseren Nachkommen eine intakte Umwelt weitergeben!
Was macht den Menschen unrein? Diese Frage steht im Mittelpunkt des heutigen Evangeliums nach Markus. Die Juden hatten sehr strenge Vorschriften, was die sogenannte rituelle Reinheit betrifft. Es ist dies etwas, was uns Heutigen ziemlich fremd erscheint. Im Idealfall war die Beobachtung dieser äußeren Vorschriften aber ein Zeichen für den Respekt, den die Menschen dem Gesetz Gottes und insbesondere allen heiligen Orten, Personen und Handlungen schulden. Es gab aber auch Übertreibungen. Diese gingen so weit, daß man die Aufmerksamkeit nur mehr auf diese äußeren Dinge lenkte und das Wesentliche übersah.
Genau hier setzt Jesus an: Es kümmert ihn wenig, ob seine Jünger die strengen Reinigungsvorschriften der Juden einhalten oder nicht. Denn er verkündet: „Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“
Stellen wir uns einmal diese Provokation für die damaligen Anführer der Juden vor! Jesus schiebt ihre geheiligte Tradition einfach so beiseite und erklärt sie für null und nichtig. Er tut dies aber nicht aus Freude am Umsturz und aus einem Geist der Rebellion, sondern um die Menschen zu einem tieferen Gehorsam gegenüber Gott hinzuführen. Niemandem ist damit gedient, daß die Menschen ängstlich die vielen Vorschriften für die rituelle Spülung von Gefäßen einhalten, wenn sie dabei vergessen, die Gottes- und Nächstenliebe zu üben. Wie abstoßend ist doch in den Augen Jesu das Beispiel eines sogenannten „Frommen“, der sich peinlich genau an alle äußeren Vorschriften hält, in seinem Herzen aber voll bitterer Galle gegen seinen Nächsten ist. Wie unglaubwürdig ist der äußere Schein der Heiligkeit ohne die innere Gesinnung der Liebe und die Reinheit des Herzens!
Genau darauf kommt es an, sagt Jesus: auf das reine Herz. In der Bergpredigt verkündet er: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“ Wie wertvoll ist doch vor Gott ein aufrichtiges, demütiges und mit Vertrauen erfülltes Herz, das alles von Gott erwartet!
Reinheit des Herzens ist etwas, das dem Menschen geschenkt wird, wenn er sich öffnet für die guten Gaben von oben, von Gott, dem gütigen Vater. Diese wahre Heiligkeit ist nicht so leicht sichtbar wie eine auf das äußere bedachte Frömmigkeit, sie muß aber gleichsam als Kern des Christen vorhanden sein, sonst ist seine Frömmigkeit nur Schein und geheuchelt.
Was möchte Jesus erreichen? Will er, daß wir alle äußeren Hilfen für den Glauben beiseite schieben und sagen, es sei dies ohnehin nicht so wichtig? Ihm geht es darum, daß wir unser Herz immer wieder prüfen und von Gott läutern und reinigen lassen. Er schenkt uns ein neues Herz und einen neuen Geist. Er kann das Wunder der Umwandlung des Herzens bewirken. Dann wird es geschehen, daß aus diesem von Liebe erfüllten Herzen auch Taten der selbstlosen Hingabe und des Dienstes für andere entspringen. Ganz von selber wird der vom Geist Gottes erfüllte Mensch das tun, was recht ist. Denn die Verbundenheit mit Gott ist ihm gleichsam zur zweiten Natur geworden, daraus lebt er und so erfüllt er das Gebot Gottes.
Wir wollen beten, daß wir das Wesentliche nie aus dem Auge verlieren: die Hinwendung des Herzens zu Gott und zu den Mitmenschen. Mit dem reinsten Herzen, das je ein Mensch besaß, hat die selige Jungfrau Maria Gott und die Menschen geliebt. Bestimmt werden wir geistliche Fortschritte machen, wenn wir in ihre „Schule“ gehen und sie zu unserer Lehrmeisterin machen. Daß wir alle das Ziel erreichen, das uns Gottes Liebe bereitet hat, wünschen wir einander: die selige Begegnung mit Gott in der Anschauung seiner Herrlichkeit, das ewige Einssein der Herzen mit Gott und untereinander! Amen.