Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den 23.
Sonntag im Jahreskreis
(Lesejahr B, 7. September 1997)
L 1: Jes 35,4-7a; L 2: Jak 2,1-5; Ev: Mk 7,31-37
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
"Habt Mut, fürchtet euch nicht!" Diese trostvollen Worte richtet der Prophet Jesaja im Auftrag Gottes an die Angehörigen des auserwählten Volkes Israel und zugleich - da es ja Sätze der Heiligen Schrift und somit Worte Gottes sind - an die gottsuchenden Menschen aller Völker und Zeiten, die von Jesus Christus zur Gemeinschaft der Kirche berufen sind.
Wunderbare Dinge werden da durch den Propheten verheißen: Die Augen der Blinden sollen geöffnet werden, auch die Ohren der Tauben werden sich auftun. Lahme werden umherspringen wie Hirsche, und Stumme werden jubeln.
Ein wahrer Prophet Gottes verkündet, was in der Zukunft durch Gottes Macht geschehen soll. Die Propheten des Alten Bundes haben das Volk Gottes vorbereitet auf das Kommen des Messias. Sie sind Zeugen für die kommende Wirklichkeit des Reiches Gottes, die mit der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus zu uns gekommen ist. In Jesus Christus sind die Verheißungen aller Propheten zu ihrer Erfüllung gelangt.
Und so hören wir heute im Evangelium, daß sich gleichsam buchstäblich erfüllt, was Jesaja vorausverkündet hat: Ein taubstummer Mann wird zu Jesus gebracht mit der Bitte, er möge ihn berühren. Was tut Jesus? Er sagt nicht einfach: Sei wieder gesund! Sondern er vollzieht eine zeichenhafte Handlung. Nachdem er zuerst mit seinen Fingern die Ohren des Mannes berührt und dann dessen Zunge mit Speichel benetzt hat, blickt er auf zum Himmel und sagt "Effata!", das heißt: "Öffne dich!"
Das Wunder geschieht: Der Mann erhält die Fähigkeit zu hören und zu sprechen zurück. Nun kann er wieder mit den Menschen reden und Gott loben!
Jene Zuhörer Jesu, die in der Heiligen Schrift des Alten Bundes gut unterrichtet waren, werden sich wohl an die Worte des Propheten Jesaja erinnert haben. Das Wunder der Heilung des Taubstummen durch Jesus war für sie ein Zeichen dafür, daß in Jesus Christus das Reich Gottes nahegekommen ist. Die Fülle der Heilszeit ist in unserem Herrn Jesus Christus zu uns gekommen. Jesus heilt die Menschen von allen möglichen Gebrechen, von den Krankheiten des Leibes und vor allem von den Nöten der Seele, wovon die Schuld gegenüber Gott das bedrückendste ist. "Er hat alles gut gemacht", sagten die Menschen voll Bewunderung über ihn.
Brauchen wir Menschen einen Erlöser? Sind wir angewiesen auf jemanden, der uns rettet aus der Verfallenheit an Leiden und Not, Sünde und Tod? Manche Menschen glauben, sie könnten ohne Gott auskommen. Sei vertrauen ausschließlich auf die eigene Einsicht und Kraft. Aber einmal kommt für jeden die Stunde, wo er die eigene Hilflosigkeit erfährt und vor die Entscheidung gestellt wird: entweder ganz auf Gottes Hilfe und Erbarmen zu vertrauen und das Leben in Fülle zu empfangen oder im Vertrauen auf die eigenen Kräfte zurückgeworfen zu werden auf die eigene Ohnmacht und damit zu scheitern.
Auch unsere Zeit braucht Jesus Christus, den Erlöser. Und er ist uns in der Kraft des Heiligen Geistes nahe: in seinem Wort, das uns die Kirche vorlegt und verkündet, und in seinen Sakramenten. Bei der Taufe gibt es den sogenannten "Effata-Ritus", wo der Priester oder Diakon nach dem Beispiel Jesu Christi Ohren und Mund des Kindes berührt und betet, daß sich die Ohren des jungen Christen öffnen mögen für das Hören des Wortes Gottes und daß sich der Mund auftue zum Lobpreis und Bekenntnis der großen Taten des Herrn.
Manchmal hören wir von Nichtglaubenden den Einwand: Ich würde gerne an Jesus Christus glauben, aber er hat die Welt nicht wirklich befreit vom Bösen. Jeden Tag erfahre ich soviel Not und Elend und begegnen wir der Sünde und dem Tod. Was sollen wir darauf sagen? Eine wirkliche Antwort ist nur dem möglich, der wirklich aus ganzem Herzen an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten glaubt. Nicht das Leiden und der Tod haben das letzte Wort, sondern das Leben und die ewige Vollendung bei Gott. Das Reich Gottes ist schon unter uns anwesend, verborgen zwar, aber dennoch wirklich. Wer sich im Glauben auf Gottes Liebe einläßt und ihm sein Leben anvertraut, der wird seine machtvolle Hilfe erfahren, auch in seinem persönlichen Leben!
Am 8. September feiert die Kirche das Fest "Mariä Geburt". Gerade im Leben der Gottesmutter Maria ist der Sieg Christi, des Erlösers, auf vollkommene Weise zur Erfüllung gelangt. So ist sie ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche auf ihrem Pilgerweg zu Gott. Unsere selige Zukunft bei Gott hat sich in Maria bereits erfüllt. Maria, die sündenlose Jungfrau, ist uns in der Gnade Jesu Christi mit Leib und Seele vorausgegangen in die himmlische Herrlichkeit, wohin wir durch ihre machtvolle Fürbitte einst alle gelangen sollen. Amen.
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