Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Fest Kreuzerhöhung
14. September
2003
Dieses Fest fällt heuer auf den 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B, und verdrängt diesen in der liturgischen Feier
L 1: Num 21,4-9; L 2: Phil 2,6-11; Ev: Joh 3,13-17
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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Am 14. September feiert die Kirche das Fest „Kreuzerhöhung“, das heuer auf den Sonntag fällt. Da es ein Fest des Herrn ist, wird es auch am Sonntag feierlich begangen.
Am 13. September 335 wurde die Basilika über dem Heiligen Grab in Jerusalem feierlich eingeweiht. Es war dies der Jahrestag der Auffindung des Kreuzes Christi gewesen. Am 14. September, dem Tag darauf, wurde in der neuen Kirche dem Volk erstmals das Kreuz Christi gezeigt, d.h. es wurde erhöht und zur Verehrung dargereicht. Wir kennen diesen Ritus vom Karfreitag, an dem ein Kreuz mit Corpus in drei Stufen feierlich enthüllt, erhoben und zur Verehrung dargeboten wird.
Abgesehen von diesem historischen Hintergrund ist dieser Festtag eine Gelegenheit, dass wir uns auf das Geheimnis der Erlösung neu besinnen und die Liebe Christi des Erlösers bedenken, der sich für uns am Kreuz hingegeben hat, um uns den Zugang zum ewigen Leben bei Gott zu erschließen.
Für uns Menschen ist es unbegreiflich, wieso Gott diesen Weg gewählt hat, um uns Menschen von der Sünde und allem Bösen zu erlösen. Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben (vgl. Röm 8,32).
Trotz aller Unbegreiflichkeit – es ist ja schließlich ein „Geheimnis des Glaubens“ – vermag die vom Glauben erleuchtete Vernunft einige wichtige Zusammenhänge zu erkennen. Zweierlei ist es vor allem, das uns im Geheimnis des Kreuzes offenbar wird: Einmal erkennen wir die Größe der menschlichen Schuld, das „Geheimnis der Bosheit“ und des Elendes der Menschheit; und zum anderen wird uns im Kreuz die siegreiche Kraft der göttlichen Liebe gezeigt, die über Sünde, Tod und Teufel triumphiert und uns ewiges, unvergängliches Leben in der Herrlichkeit Gottes schenkt.
Da ist zum einen die Größe der Schuld und der damit verbundenen Straffolgen: Es ist heute in unserer Gesellschaft nicht mehr „in“ und auch innerhalb der Kirche ist es unpopulär geworden, von Sünde und Schuld zu reden. Der Empfang des Bußsakramentes ist teilweise rapide zurückgegangen. Andererseits bestätigt uns die Psychologie, dass es viele Menschen mit verdrängten Schuldgefühlen gibt, die nicht fertig werden mit dem, was sie belastet. Die Kirche hält daran fest, dass es in unserem Leben eine Störung gibt, die wir selbst verschulden, wenn wir uns vom Weg Gottes abwenden. Diese Störung und Unordnung nennen wir Sünde. Sünde – so sagt der heilige Augustinus – ist jede Verletzung des Gebotes Gottes durch Gedanken, Worte oder Werke; Sünde ist eine "Tat oder ein Wort oder ein Begehren entgegen dem ewigen Gesetz" (Contra Faustum XXII 27; PL 42,418). In diesem Sinn beten wir auch im Schuldbekenntnis der Heiligen Messe, dass uns Gott all das vergeben möge, was wir aus Schwäche oder in Bosheit gesündigt haben. Wir haben oftmals Gutes unterlassen und Böses getan. Weil Sünde etwas ist, das die Menschen von der Liebe Gottes trennt, darum brauchen wir Menschen einen Erlöser. Es ist Jesus Christus, der Herr, der selber ohne Sünde war, aber sich für uns gleichsam „zur Sünde gemacht“ hat, „damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,21). Stellvertretend für uns alle hat Christus als Haupt der Menschheit, als „neuer Adam“, alle Schuld und Strafe auf sich genommen und uns auf diese Weise die Versöhnung mit Gott und untereinander wieder geschenkt. Er hat all denen die Vergebung zugesagt, die an seine Liebe glauben und sich bemühen, die Liebe zu Gott und zum Nächsten in ihrem Leben zu verwirklichen.
Auf diese Weise wird uns der zweite Aspekt deutlich: Das Kreuz offenbart uns die unendliche Liebe Gottes. Denn niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde, sagt Jesus selber (vgl. Joh 15,13). Der Sohn Gottes hat es ausgehalten, dass sich an ihm gleichsam die ganze Bosheit der Welt entladen hat. Er hat sich nicht vom Hass besiegen lassen, sondern das Unrecht der Menschen auf sich genommen. Er, der einzig Gerechte, starb stellvertretend für alle Sünder den Verbrechertod am Kreuz. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16)
Gott hat uns ja aus Liebe erschaffen; und als er sah, dass der Mensch ohne ihn zugrunde ging, da hat er sich in seinem Sohn Jesus Christus aller Menschen erbarmt, um ihnen das Heil zu schenken. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden und hat uns durch seinen Liebesgehorsam am Kreuz gegenüber dem himmlischen Vater erlöst. Im Heiligen Geist schenkt er uns durch die Kirche und ihre Sakramente die Fülle der Gnade.
Wenn wir also dieses Fest „Kreuzerhöhung“ ernst nehmen wollen, dann sollen wir zum Ostergeheimnis vordringen. Der Gekreuzigte ist der Auferstandene, der unter uns lebt und gegenwärtig ist. Er verheißt auch uns Vollendung und ewiges Leben. Bleiben wir immer mit dem Kreuz Christi verbunden. Geben wir dem Zeichen des Kreuzes die Ehre: in unseren Häusern und Familien, in den Kirche und Kapellen oder auf Wegen und öffentlichen Plätzen. Was aber noch wichtiger ist: Stellen wir uns geistig wie Maria oder Johannes unter das Kreuz und verbinden wir uns mit dem Opfer Jesu Christi, das er für uns dargebracht hat. Wir können und sollen diese tun bei jeder heiligen Messe, wenn wir die Vergegenwärtigung des Opfers Christi feiern dürfen. Wir nehmen die Kraft des erlösenden Blutes Christi an auch dann, wenn wir das heilige Bußsakrament empfangen. Denn hier wäscht uns Gott rein von unseren Sünden durch das Blut des Lammes (vgl. Offb 7,14; 12,11).
Das Kreuz ist kein Zeichen der Schande mehr, sondern höchste Ehre und Zier aller Christen – vor allem dann, wenn wir das leben, was wir als unseren Glauben bekennen! Amen.
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