Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den 25.
Sonntag im Jahreskreis
(Lesejahr B, 21. September 1997)
L 1: Weish 2,1a.12.17-20; L 2: Jak 3,16-4,3; Ev: Mk 9,30-37
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Jesus "stellte ein Kind in ihre Mitte". Dies geschah, nachdem die Apostel untereinander darüber gestritten hatten, wer von ihnen der Größte sei. Welch ein Gegensatz! Auf der einen Seite die allzu irdischen Machtvorstellungen der im geistlichen Leben noch unvollkommenen Apostel, und auf der anderen Seite ein Kind, das in besonderer Weise ausdrücken soll, daß das Reich Gottes zu jenen kommt, die vor Gott im Herzen wie ein Kind zu sein vermögen!
Offensichtlich waren die Jünger und Apostel Jesu überfordert mit seiner Botschaft. Noch hatten sie nicht begriffen, daß das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36). Sie erhofften sich von ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus verschiedene irdische Vorteile. Wahrscheinlich rechneten sie damit, daß sich Jesus als politischer Befreier des Volkes Israel von der Herrschaft der Römer erweisen werde. Sie hofften, daß er sein Königtum mit Macht antreten werde und daß sie dann wichtige Ämter und Posten bekommen würden!
Jesus konnte und wollte sie nicht in ihrer falschen Erwartung bestärken. Darum wies er sie - wie uns der Evangelist Markus berichtet - hin auf sein bevorstehendes Leiden und Sterben: "Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen." Freilich verstanden ihn seine Jünger noch nicht.
Erst im Licht von Ostern konnten die Apostel und Jünger die mit diesen Worten ausgesagte Wirklichkeit im Glauben begreifen. Vorher war ihnen der Zugang zum Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu verschlossen.
Nicht einmal die Apostel ahnten, daß im Reich Gottes die rein menschliche Logik sozusagen auf den Kopf gestellt wird: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein", sagt Jesus. Ist das vernünftig? Für den bloß irdisch denkenden Menschen keineswegs. Er möchte ja möglichst viel von dem, was ihm als das einzige im Leben erscheint und doch vergänglich ist, festhalten!
Nicht die kommen ins Reich Gottes, die sich sozusagen mit Ellbogentaktik und allen möglichen Tricks den Zugang dazu erkämpfen, sondern nur jene, die offen und bereit dafür sind wie ein Kind. Nur wer sich selber zurückstellt, wer verzichtet auf das eigene Vorankommen im Sinne einer ehrgeizigen Karriere, der erhält Anteil an der Herrlichkeit des göttlichen Lebens. Jesus möchte, daß wir frei sind von jedem unlauteren Begehren, das uns in seinen Bann zieht und uns versklavt. Reichtum und Besitz, Genußstreben, Macht und Herrschertum - all das ist oft eher eine Gefahr für den Menschen, als daß es ihm wirklich nützt. Diese Dinge machen uns schnell abhängig, wir werden von ihnen versklavt.
Jesus Christus schenkt uns die wahre Freiheit der Kinder Gottes. In dieser Freiheit der Liebe und des Dienens ist es uns möglich, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und an andere zu denken. Wir erfahren, daß Geben seliger ist als Nehmen, daß der Dienst an unseren Brüdern und Schwestern uns nicht erniedrigt und entwürdigt, sondern uns frei macht und teilhaben läßt am Königtum Christi, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (vgl. Mk 10,45).
Wie geht es uns persönlich mit den Worten des heutigen Evangeliums? Wir spüren alle: Vieles in uns ist noch unvollkommen. Die Versuchungen der Jünger und Apostel Jesu zu falschem Ehrgeiz und Machtstreben sind auch heute die Versuchungen jener, die an Jesus glauben, die zu seiner Kirche gehören. Auch uns sagt Jesus, daß wir einander dienen sollen, anstatt über andere herrschen zu wollen. Auch jedes Amt in der Kirche ist ein Dienst, soll es sein:
"Je höher ein Christ steht, in der Hierarchie der Kirche oder in der Ordnung der Gesellschaft, desto größer ist seine Verantwortung, desto mehr ist die Haltung des Dienens gefragt. Wer um die Verantwortung und die abzulegende Rechenschaft vor Gott weiß, der wird vor falschem Ehrgeiz bewahrt bleiben." (Ignaz Steinwender, "Rupertusblatt", 21.9.1997)
Der heilige Gregor von Nazianz hat einmal gesagt: "Wenn du mehr sein willst als deine Mitmenschen, dann sei es durch mehr Güte!" (Or. 14, c. 26). Genau das ist es, was der Herr Jesus Christus von uns verlangt. Die Gottesmutter Maria hat diesen Geist des Dienens beispielhaft verwirklicht. Als "Magd des Herrn" war sie zugleich da für die Menschen in ihren Nöten.
Wir wollen heute besonders für jene beten, die als Bischöfe in der Nachfolge der Apostel stehen und denen eine besondere Verantwortung in der Kirche übertragen ist. Wir beten aber auch für die politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen. Gott möge ihnen die Kraft schenken, für die Menschen dazusein und ihnen zu dienen, dabei auf das Wort Gottes in der Verkündigung der Kirche zu hören und ihr Amt nach dem Willen Christi in Liebe und Barmherzigkeit auszuüben! Amen.
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Gemeinschaft vom heiligen Josef