Kaplan Dr. Josef Spindelböck

 

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis B

(24. September 2000)

 

L 1: Weish 2,1a.12.17-20; L 2: Jak 3,16-4,3; Ev: Mk 9,30-37

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wahrscheinlich kennen wir alle Situationen in unserem Leben, wo Machtkämpfe ausgetragen werden. Das beginnt schon bei kleinen Kindern, die sich durchsetzen wollen und auf diese Weise ein Gespür für ihre Stärken und Grenzen entwickeln. Es geht weiter im Kindergarten und in der Schule, bei jungen Menschen und – seien wir doch ehrlich – auch im Leben der Erwachsenen! Immer wieder gibt es menschliche Reibereien, die ihre Ursache darin haben, daß keiner nachgibt, weil ein jeder „der Stärkste“ sein will und keiner zurücktreten möchte!

Wie tröstlich ist es da einerseits – und doch zugleich: wie beunruhigend! – zu hören, daß die Apostel auch Menschen wie wir waren. Unser Herr Jesus Christus hatte sich alle Mühe gegeben, sie über das Kommende zu unterrichten. Er erzählte ihnen von seinem bevorstehenden Leiden und Sterben. Doch was geschah? Unterwegs hatten sie nichts Besseres zu tun, als miteinander darüber zu diskutieren, wer von ihnen wohl der Größte sei – hier auf Erden und im Reich Gottes, das dieser Jesus verkündete!

Wie läuft doch oft das Menschliche dem Göttlichen entgegen: Der Herr spricht von seinem Leiden und Sterben, von seinem Dienst der Hingabe aus Liebe zu den Menschen bis zum Tod am Kreuz, und die Jünger denken an ihre Macht und Selbstbestätigung, ans Herrschen!

Wie löst Jesus diesen Gegensatz auf? Er nimmt sich nochmals Zeit für seine Jünger, die er erwählt hat und liebt trotz ihrer Fehler und Unvollkommenheiten. Dann gibt er ihnen eine Lehre, die sie zwar jetzt nicht verstehen, die ihnen aber unvergeßlich bleiben wird. Später werden sie begreifen, was er damit gemeint hat. Er sagt: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte aller und der Diener aller sein.“ Das ist unerhört! Jesus verkündet das scheinbar Paradoxe, daß ausgerechnet jene Menschen, die ihre eigenen Interessen zurückstellen um des Wohles der anderen willen, den Vorrang haben werden. Es wird kein Vorrang des Herrschens sein, sondern der Liebe. Denn die Liebe ist größer als alles.

Haben wir dies nicht auch schon oft erfahren, liebe Brüder und Schwestern? Wenn wir die Liebe üben, wenn wir uns in echter Gesinnung des Wohlwollens den Mitmenschen zuwenden und ihnen dienen, dann werden wir frei von unserer eigenen Enge und Selbstsucht. Diese innere Freiheit läßt uns ein Glück erfahren, daß jene Menschen nicht kennen, die nur an sich selber denken. Es ist die königliche Freiheit des Dienens, die uns Jesus selbst vorgelebt hat. Denn was war sein Leben und Sterben anderes als die lebendige Veranschaulichung seiner Lehre, daß Geben seliger ist als Nehmen und daß einander zu dienen in Wahrheit mit Gott herrschen bedeutet?

Wollten wir dies doch begreifen: Dann würde vieles in unserem Leben leichter. Denn manche Kreuze machen wir uns selber dadurch schwer, daß wir aus Prinzip nicht nachgeben wollen. Dort aber, wo Rücksicht und Verständnis herrscht, wo es Geduld und Hingabe gibt aus einem tiefen Glauben an die Liebe Gottes heraus, dort ist das Reich Gottes uns nahe.

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn“, hat die Jungfrau Maria gesagt, als ihr der Engel die Botschaft Gottes brachte, sie sollte die Mutter des Messias werden. Ihr Leben war das eines selbstlosen und vollkommenen Dienstes. Sie ist uns Vorbild und Helferin zugleich. Sie möge für uns erbitten, daß wir von Gott ein hörendes und dienendes Herz erhalten. Immer dort, wo dies geschieht, ist uns der Himmel nähergekommen, ja erfahren wir bereits ein Stück Himmel auf Erden! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at