Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis (B)
am 5. Oktober 1997 (Erntedankfest)

 

L 1: Gen 2,18-24; L 2: Hebr 2,9-11; Ev: Mk 10,2-16

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Es gibt ein Sprichwort, das heißt: "Not lehrt beten." Und irgendwie scheint das auch zu stimmen. Menschen, die in eine persönliche oder allgemeine Notlage geraten sind, suchen nach einem Ausweg aus diesem Elend, nach einer Hilfe. Oft erkennen wir, daß wir als Menschen überfordert sind und aus unserer eigenen Kraft nicht jede Not lindern und jedes Übel beseitigen können. Da kommt es dann schon vor, daß Menschen, die sonst in ihrem Leben kaum an Gott gedacht haben und auch nicht recht viel gebetet haben, sich plötzlich auf das Gebet zu Gott als sozusagen letzte Möglichkeit der Rettung besinnen.

Andererseits, und das ist eine Erfahrung, die wir vielleicht auch schon gemacht haben, ist der Mensch, dem es gut geht, der alles hat, was er wünscht, der materiell in guten Verhältnissen lebt, dessen Ehe und Familie intakt ist, dessen Beruf gesichert und erfüllend ist, der gesund ist, - ist eben jener Mensch doch in Gefahr zu vergessen, daß er all dies, was er zu eigen hat und genießt, sich im letzten doch nicht selber verdankt.

Der heutige Tag, an dem wir das "Erntedankfest" feiern, soll uns wieder helfen, das Bewußtsein dafür zu wecken, daß wir unser Leben und alles, was uns in diesem Leben als wertvoll und bereichernd zuteil wird - auch gute Freunde gehören dazu -, eben nicht so einschätzen dürfen, als ob es selbstverständlich wäre.

Dankbarkeit ist die Kunst, das als selbstverständlich empfundene Gute wieder bewußt zu erleben und anzuerkennen, daß wir Menschen abhängig sind von Gott, unserem Schöpfer und Erlöser. Dieser Gedanke der Abhängigkeit ist freilich dem modernen Menschen eher fremd geworden. Jeder möchte unabhängig sein und frei. Unterordnung und Abhängigkeit erscheint als Zeichen von Schwäche. Das mag in manchen sozialen Beziehungen stimmen. Und doch ist es verkehrt, wenn es um die Gottesbeziehung geht: Hier bedeutet die Anerkennung der Autorität Gottes keine Selbsterniedrigung des Menschen im Sinn einer Entwürdigung, sondern im Gegenteil: Wir erfahren die Freiheit des Dienstes und der Hingabe an den Willen Gottes als eine Freiheit, die uns adelt und unser Leben wertvoll macht!

Wie kann es uns gelingen, wieder bewußter die vielfältigen Gaben Gottes in unserem Leben anzuerkennen und dafür zu danken?

Der Weg über die Mitmenschen kann uns dabei sicher hilfreich sein. Überlegen wir doch einmal, wie viele Menschen uns Gutes tun. Sehen wir doch nicht immer nur das Negative, das, was andere in unseren Augen falsch machen, sondern blicken wir auf die vielen kleinen Zeichen der Zuwendung und Liebe, die uns täglich erwiesen werden!

Sehen wir dankbar all das Gute, das uns Familienangehörige, Freunde, Bekannte und auch viele andere Menschen täglich erweisen und nehmen wir nicht alles für selbstverständlich! Wenn wir uns auf diese Weise bemühen, offen zu sein für die liebevolle Zuwendung unserer Mitmenschen, dann wird es uns auch leichter gelingen, hinter allen menschlichen Gaben den eigentlichen Spender alles Guten - nämlich Gott, den Herrn, der die Liebe und das Leben ist, anzuerkennen.

Auf diese Weise wird uns das tägliche Gebet nicht zu einer lästigen Pflichtübung, sondern zu einem inneren Bedürfnis unseres Herzens, das wir auch dann in Treue erfüllen, wenn uns gefühlsmäßig gar nicht danach zumute ist. Immer haben wir Grund zum Dank an Gott, und auch die Ereignisse unseres Lebens, die uns vielleicht als schwer oder unverständlich erscheinen, erleben wir im Rückblick doch als heilsam, wenn wir sie mit Geduld und Gottvertrauen angenommen haben.

Im Gebet des "Vaterunser" sagen wir Gott zuerst Lob und Dank für seine Güte und Liebe, für alle seine Gaben. Dann bitten wir darum, daß in allem sein heiliger Wille geschehe. Erst dann bitten wir ihn um alles Notwendige für unser eigenes Leben. Das soll die Ordnung sein auch für unser persönliches Beten: zuerst der Dank, dann die Bitte.

Und vergessen wir nicht: Mehr noch als für die natürlichen Gaben unseres Lebens sollen wir Gott danken für das Geschenk seiner Liebe, die er uns in seinem menschgewordenen Sohn Jesus Christus erwiesen hat. So sehr hat Gott die Welt geliebt, "daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16). Bei der heiligen Messe wird das Opfer des Leidens und Sterbens Jesu Christi sowie sein Ostersieg in der Auferstehung von den Toten für uns gegenwärtig. Mit Recht wird die heilige Messe darum auch "Eucharistie" - "Danksagung" für dieses Geschenk des Erlösungsopfers - genannt.

Wer dankbar und zufrieden ist für alles, was Gott ihm schenkt, der hat wahre Freude im Herzen. Der heilige Franziskus, dessen Fest wir am 4. Oktober feiern, hat uns dies vorgelebt. Er dankte Gott und pries ihn für alles, was er in der Schöpfung vorfand. In seinem großen Glauben war er sogar fähig, Gott für den leiblichen Tod zu danken, dem kein Sterblicher entrinnen kann. Er glaubte ganz fest: Jesus Christus ist das Leben. Wir sind dazu berufen, an der Herrlichkeit des Himmels teilzunehmen. Dort werden wir Gott loben und ihm danken in alle Ewigkeit. Amen.


Zur Gemeinschaft vom heiligen Josef