Kaplan Dr. Josef Spindelböck

 

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis B

(15. Oktober 2000)

 

L 1: Weish 7,7-11; L 2: Hebr 4,12-13; Ev: Mk 10,17-30

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Jesus hat einmal gesagt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21). Das heißt mit anderen Worten: Wir wenden unser Herz dorthin, wo wir wirklich unser Ziel sehen, zu jenem Wert, wofür wir leben. Das kann eine Sache sein – wie bei einem Menschen, der dem Reichtum verfallen ist; das kann ein bestimmter Wert, eine Aufgabe sein; das kann ein geliebter Mensch sein – aber eigentlich kann und darf es nur einen letzten Schatz für uns geben: Gott im Himmel!

An all das werden wir erinnert, wenn wir die Erzählung des Evangelisten Markus vom reichen jungen Mann hören, der zu Jesus kommt und ihn um eine Wegweisung für sein Leben bittet. „Was muß ich tun“, lautet seine Frage, „um das ewige Leben zu gewinnen?“ Es ist keine bloße Formel, kein „frommer Spruch“, den der Mann hier von sich gibt, sondern dahinter steht die Anfrage und Suche eines Herzens, das Gott wirklich dienen möchte. Dem jungen Mann – das spürt Jesus – geht es ums Ganze. So nimmt er sich bereitwillig Zeit für ihn und gibt ihm die wichtige Antwort.

Diese Antwort besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil klingt ganz „normal“: „Wenn du zum Leben gelangen willst, dann halte die Gebote!“ (vgl. Mt 19,17) Ja, das versteht der junge Mann. Denn die Gebote kennt er, und sie achtet er. Weil er ihre Wichtigkeit einsieht, bemüht er sich, sie zu halten: „Du sollst nicht töten, nicht die Ehe brechen, nicht stehlen, nicht falsch aussagen, keinen Raub begehen! Du sollst Vater und Mutter ehren!“ All dies und ähnliches bildet den Inhalt der ihm bekannten zehn Gebote des Mose, an die er sich als frommer Israelit von Jugend an gehalten hat.

Der junge Mann spürt: Ja, gewiß, das erwartet Gott von mir, wie er es von einem jeden erwartet. Aber in der Begegnung mit Jesus spürt er, daß es noch etwas geben muß, was sein Herz bisher noch nicht erkannt hat. Er hat den eigentlichen Schatz seines Herzens noch nicht gefunden.

Jesus blickt ihn voll Liebe an und geht das Risiko ein: Obwohl er weiß, daß der junge Mann reich ist, schlägt er ihm etwas ganz und gar Unvorstellbares vor. Er sagt: „Eines fehlt dir noch. Geh, verkaufe, was du hast und gib das Geld den Armen. Dann wirst Du einen bleibenden Schatz im Himmel haben. Komm und folge mir nach!“

Diese Worte Jesu, mit denen der junge Mann überhaupt nicht gerechnet hat, verschlagen ihm die Sprache. Verwirrt und traurig geht er weg. Denn er ist tatsächlich sehr reich, und er begreift, was das für sein Leben bedeutet, wenn er auf alles verzichten soll!

Wir wissen nicht, wie sich der junge Mann dann entschieden hat. Hat er jene innere Freiheit gefunden und sich durchgerungen zum vollkommenen Verzicht? Oder ist er mit der schweren Last seines Reichtums auf dem Herzen ohne die ersehnte Erfüllung geblieben und vielleicht sogar unglücklich gestorben?

Aber der junge Mann von damals ist nicht der einzige, dem die Worte Jesu gelten. Die Jünger hören diese Worte und sind „bestürzt“! Wie kann er nur sagen, daß es für Menschen mit Reichtum so schwer ist, in das Reich Gottes zu kommen? Da bringt dieser Jesus doch das ganze Leben durcheinander! Wer soll sich daran halten? Ja, wer kann da noch gerettet werden?

Jesus möchte die Menschen nicht entmutigen. Darum spricht er die trostvollen Worte: „Für Menschen ist all das unmöglich, nicht aber für Gott. Denn bei Gott ist alles möglich.“ Ein Stück weit haben das die Apostel bereits begriffen, denn Petrus spricht im Namen aller: „Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Tatsächlich haben sie vieles aufgegeben, was ihnen im Leben etwas bedeutet hat: Besitz, Verwandtschaft, Freunde, Familie, Unabhängigkeit ...

Die folgenden Worte Jesu gelten allen, die für Gott ihr Herz frei gemacht haben von der Anhänglichkeit an das Irdische. Er sagt, daß jeder, der um seinetwillen und um des Evangeliums willen all dies verlassen hat, Hundertfaches dafür empfangen wird sowie das ewige Leben. Gott nimmt uns letztlich nichts weg, sondern schenkt uns alles, wenn wir es zuvor ihm schenken, von dem wir es ja bereits empfangen haben!

Genau das ist also der königliche Weg der Freiheit: Wenn der Mensch in seinem Herzen all dem entsagt, was ihn fesselt und bindet, wenn er Gott über alles setzt und bereit ist, nötigenfalls sogar das Materielle für ihn zu opfern, dann gewinnt er die innere Freiheit. Würden wir doch begreifen, daß Gott uns nichts wegnehmen möchte, weil er es uns angeblich nicht vergönnt, sondern daß er uns mit wahrhaft göttlichem Reichtum beschenken möchte!

Es ist seine Liebe, die wir empfangen, wenn wir ihm unser Herz schenken. Diese Liebe läßt uns auch in ein neues Verhältnis zu unseren Mitmenschen treten, die wir dann mit dem Herzen Gottes lieben dürfen. Wir erhalten die Kraft, über die Mauern unserer Selbstsucht, unseres Egoismus zu springen und uns einzusetzen für die Not anderer. Je mehr wir zu geben bereit sind, desto mehr empfangen wir!

Daß bei Gott nichts unmöglich ist, sollen wir täglich neu zu glauben lernen. Dann bleibt unser Leben eine spannende Herausforderung, die uns viele positive Überraschungen schenken wird. Die Heiligen sind uns diesen Weg vorausgegangen. Bitten wir besonders die heilige Gottesmutter Maria um jene Glaubensstärke und um jene Liebe, die es ihr und vielen ermöglicht hat, in jeder Situation das bereitwillige „Ja“ zum Willen Gottes zu sprechen. Wir werden sicher nicht enttäuscht werden. Denn dort, wo unser Schatz ist, ist unser Herz. Amen. 

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at