Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau
Predigt zum 30. Sonntag
im Jahreskreis (B)
am 26. Oktober 1997
L 1: Jer 31,7-9; L 2: Hebr 5,1-6; Ev: Mk 10,46-52
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Als unser Herr Jesus Christus auf Erden das Evangelium vom Reich Gottes verkündete, da muß von ihm eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgegangen sein. Rat und Hilfe suchende Menschen gleichermaßen wie auch seine Gegner sammelten sich um ihn. Die einen, um bereitwillig auf seine Worte zu hören und sie im Glauben anzunehmen, die anderen, um daran Anstoß zu nehmen und etwas zu finden, womit sie ihn des Abfalls vom jüdischen Glauben und vom mosaischen Gesetz überführen könnten. An Jesus Christus schieden sich die Geister, damals wie heute!
Und da hören wir im Evangelium nach Markus von einem blinden Bettler, der zu Jesus kam. Er hieß Bartimäus und rief laut zu Jesus um Hilfe, als dieser an der Straße vorbeikam, wo er saß und bettelte. Es muß etwas Erschütterndes um sein Bitten gewesen sein. Der Blinde war in existenzieller Not. Seine Worte: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" können nicht bloß als die Worte eines nach sozialer Anerkennung suchenden Menschen angesehen werden, der auffallen und im Mittelpunkt stehen möchte. Sie sind mehr: nämlich Ausdruck eines tiefen Glaubens an die Erlösermacht Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Weil der Blinde in seinem Herzen überzeugt ist, daß nur Jesus ihm helfen kann in seiner menschlichen Not, darum ruft er laut zu ihm und läßt sich auch durch die Worte seiner über diese Aufdringlichkeit verärgerten Mitmenschen nicht davon abhalten, Jesus "zu stören".
Bartimäus zweifelt nicht: Jesus kann und wird ihm helfen. Davon ist er überzeugt. Uns stellt sich die Frage, ob nicht in einem tieferen Sinn dieser Blinde mehr von Jesus wahrzunehmen vermag als mancher "Sehende" von den Menschen, die als Gesunde Jesu Worte hören und ihn begleiten. Bartimäus sieht zwar mit den Augen des Leibes nichts, doch die Augen seines Herzens haben die wahre Größe Jesu, des Erlösers, bereits erfaßt. So ist es in seinem Herzen bereits hell geworden, noch bevor Jesus zu ihm hintritt und ihn auch von seiner körperlichen Blindheit heilt.
Der Glaube und das Vertrauen des Blinden werden nicht enttäuscht: Jesus wendet sich ihm zu und fragt ihn nach seinem Wunsch; nicht als ob er nicht wüßte, was der Blinde braucht, sondern damit die Not dieses Menschen noch einmal ausgesprochen und den umstehenden Menschen ganz deutlich bewußt wird. "Rabbuni, ich möchte wieder sehen können." Im selben Augenblick wird er geheilt. Und Jesus sagt: "Dein Glaube hat dir geholfen."
Das Wesentliche in der Begegnung mit dem Herrn Jesus Christus ist immer der Glaube. Dies galt für die Menschen, die zur Zeit Jesu lebten und ihn persönlich kennenlernen durften. Dies gilt auch für uns, die wir unserem Herrn Jesus Christus aufgrund der Verkündigung des Wortes Gottes durch die Kirche begegnen. Ohne Glaube kein Heil! Es nützt niemandem etwas, mit Jesus direkt zusammenzutreffen, wenn er nicht zum Glauben findet. So sind wir heute Lebenden gegenüber den Menschen zur Zeit Jesu nicht im Nachteil. Denn für alle Menschen gilt: Nur der Glaube ermöglicht das Heil und die Vergebung der Sünden.
Mit der Heilung des Blinden möchte uns Gott noch tiefer hinführen zur Wirklichkeit des Heiles in Jesus Christus: Denn auch wir waren gleichsam blind und wurden erleuchtet durch die heilige Taufe. In der Taufe wurde uns das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe eingegossen. Gott hat uns mit seiner Gnade erleuchtet, damit wir im Glauben sehend werden. Zwar bleibt noch manches Dunkel hier auf Erden, aber wir müssen auch sagen: Es ist Licht genug für den, der sehen will. Gott bietet jedem Menschen das Heil an. Lassen wir uns heilen von der Blindheit des Herzens und nehmen wir das Geschenk der Gnade Gottes für unser Leben an!
Vom blinden Bartimäus heißt es: Als er wieder sehen konnte, folgte er Jesus auf seinem Weg. Dieses Nachfolgen ist nicht bloß ein äußeres Begleiten, sondern ein treues inneres Festhalten an Jesus, dem Erlöser, im Glauben und im Leben aus dem Glauben. Wer Jesus nachfolgt, bekennt auch nach außen hin den Glauben, den er im Herzen trägt, und hält die Gebote. Denn diese Gebote sind für den, der Gott von Herzen liebt, nicht schwer. Nicht aus eigener Kraft erfüllen wir die Forderungen des Evangeliums, sondern mit Hilfe der Gnade Gottes, die uns stärkt.
Lassen wir uns ein auf den "schmalen", aber
beglückenden Weg der Nachfolge Jesu! Bemühen wir uns, aus dem
Glauben zu leben. Die Fürbitte aller Heiligen, besonders der Gottesmutter
Maria möge uns dabei helfen! Amen.
Zur Leitseite
Gemeinschaft vom heiligen Josef