Kaplan Dr. Josef Spindelböck
Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis B
(29.
Oktober 2000)
L 1: Jer 31,7-9; L 2: Hebr 5,1-6; Ev: Mk 10,46-52
Hier finden Sie alle liturgischen Texte dieses Sonntags: Schott-Messbuch
online
Liebe Brüder
und Schwestern im Herrn!
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Diese Worte aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint Exupery fallen uns vielleicht
ein, wenn wir das Evangelium von der Heilung des Blinden durch Jesus Christus hören.
Es geht um die tieferen Dimensionen des Menschseins, die sich den körperlichen
Augen verschließen. Die Augen des Herzens gilt es zu öffnen!
Versuchen wir, liebe Gläubige, uns ein wenig
in die Rolle des blinden Bettlers Bartimäus zu versetzen! Er
hatte ein zweifaches Elend zu ertragen: Er war arm, und zugleich war er blind.
So war er völlig von der Hilfe anderer Menschen abhängig. Diese kannten ihn
gut, da er oft an der Straße saß. Manche registrierten ihn überhaupt nicht und
gingen achtlos an ihm vorbei. Andere wiederum machten sich vielleicht eine
besondere Art der Unterhaltung daraus, den Blinden zu verspotten oder ihn sogar
zu mißhandeln. Nur wenige hatten wirklich ein Herz für ihn!
Wie wird es dem Bettler in seinem Inneren
ergangen sein, wenn er so
gegensätzliche Erfahrungen mit den Menschen machten mußte? Sicher war er jenen
dankbar, die ihm Gutes taten. Es kann sein, daß er schon ziemlich verzagt war,
weil ihn so wenige wirklich verstanden und als Menschen mit gleicher Würde wie
sie respektierten. Ob er noch auf Gott vertraute? Wir wissen es nicht. Es ist
durchaus möglich, daß er manchmal mit Gott gehadert hat, daß er ihm gleichsam
Vorwürfe gemacht hat für das traurige Schicksal, das er erleiden mußte.
Doch da trat eine Wende im ziemlich
eintönig-traurigen Leben des blinden Bettlers ein: Er hörte von einem
Mann namens Jesus, der im Land der Juden umherzog, Gutes tat, Kranke
heilte und den Menschen die frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündete. In
seinem Herzen erwachte die Sehnsucht, mehr von Jesus zu erfahren, ja ihm
vielleicht selbst einmal zu begegnen.
Ist es da verwunderlich, daß Bartimäus an
jenem für sein Leben so bedeutsamen Tag, als Jesus in seiner Nähe
vorüberging, laut zu rufen begann und Jesus mit den Worten anflehte: „Sohn
Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir“? Er wußte: Das war seine Stunde. Da
mußte er gleichsam alles riskieren, auch wenn die Menschen in seiner Umgebung
darauf mit Unverständnis reagieren sollten. Wenn Jesus wirklich so war, wie es
ihm geschildert worden, dann würde er bestimmt auch für ihn ein offenes Ohr
haben!
Sein Vertrauen, sein Glaube war größer als
alles Bedenken. Er flehte und rief, er legte ein Bekenntnis ab zu
Jesus als dem „Sohne Davids“. Dieser Titel war nicht einfach so dahergesagt,
sondern sollte ausdrücken: Ich glaube, daß Du der bist, den die Propheten
verheißen haben. Du bist der Messias, der da kommen soll und auf dem Thron
Davids herrschen wird über das Volk Gottes!
Was erflehte der Blinde von Jesus? Nicht
zuerst die Heilung seiner Blindheit, sondern er rief: „Hab Erbarmen mit mir!“
In diesem Wort liegt viel mehr als die Bitte um Linderung irdischer Not. Weil
der Blinde an Jesus als den Messias glaubte, vertraute er darauf, daß er ihm in
jeder Hinsicht Erbarmen schenken konnte. Und wer von uns, liebe Brüder und
Schwestern, hat es nicht immer wieder nötig, daß ihm Erbarmen zuteil wird? Vor
Gott und vor einander sind wir ja doch alle auch „arme Sünder“,
die oft versagen und denen vieles noch abgeht und fehlt in der Vollkommenheit
der Liebe, die wir Gott und den Mitmenschen schulden!
Als Jesus sich dem Blinden zuwendet und ihn
ruft, da springt er auf und beeilt sich, zu ihm zu kommen. Auf die Frage
Jesu: „Was soll ich dir tun?“, antwortet er jetzt endlich mit dem ganzen
Vertrauen seines Herzens: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“ Der
blinde Bartimäus spürt, jetzt darf er sagen, was er sich wünscht: daß er das
Augenlicht wieder erlangt!
Nun spricht der Herr zu ihm die trostvollen
Worte: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Und sofort kann der Blinde
wieder sehen. Es ist der Glaube, der wieder sehen macht – im doppelten Sinn!
Zuerst erleuchtete der Herr den Blinden in seinem Herzen, damit er
wirklich das Gute sehen konnte; dann aber schenkte er ihm auch die
Fähigkeit, mit den Augen des Leibes das Irdische wieder zu schauen.
Sollten nicht auch wir Gott den Herrn immer
wieder anrufen, daß er sich unser erbarme? Bedürfen wir nicht des Lichtes
des Heiligen Geistes, um der Blindheit unseres Herzens abzuhelfen?
Wenn Gott in unser Herz den Glauben und
die Liebe eingießt, dann werden wir wahrhaft Sehende! Nichts Irdisches kann
uns mehr schrecken, sondern die Hoffnung auf Gott und das Vertrauen auf seine
Liebe wird unser Herz erfüllen. Bitten wir Gott den Herrn darum, daß in unserem
Herzen die Sonne der Liebe Gottes niemals untergehe!
Lassen wir uns von Gott erleuchten, im Gebet, im Lesen und Hören des Wortes
Gottes und im Empfang der Sakramente. Dann dürfen auch wir Gott
loben und ihn preisen wie der geheilte Bartimäus – und mit ihm werden wir Jesus
nachfolgen auf seinem Weg! Amen.