Kaplan Dr. Josef Spindelböck

 

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis B

(12. November 2000)

L 1: 1 Kön 17,10-16; L 2: Hebr 9,24-28; Ev: Mk 12,38-44


Hier finden Sie alle liturgischen Texte dieses Sonntags: Schott-Messbuch online

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wenn wir verschiedene Vorgänge in Politik und Gesellschaft beobachten, so haben wir manchmal den Eindruck, nur die Mächtigen setzten sich durch. Wer bereit ist, jedes Mittel anzuwenden, egal ob gut oder schlecht, der kann es zu etwas bringen in dieser Welt. Jene hingegen, die auf die Wahrheit und Gerechtigkeit vertrauen, sind oft die Unterlegenen. Viele empfinden das so, und wir können nicht sagen, daß dieser Eindruck ganz falsch ist.

Und dennoch: Die Texte aus dem Gotteswort, der Heiligen Schrift, die uns die Kirche für diesen Sonntag vorlegt, ergeben eine andere Sicht. Denn schon für dieses Leben und noch mehr in der Perspektive der Ewigkeit gilt die Wahrheit: Wer Gutes tut, dem wird es reichlich vergolten. Vieles erhält jener Mensch schon in diesem Leben zurück. Auf jeden Fall ist Gottes Segen mehr wert als alles übrige. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Was für immer bleibt und dauernden Bestand hat, das sind die Früchte, die wir für die Ewigkeit gesammelt haben!

Die Lesung aus dem Alten Testament zeigt uns, wie der Prophet Elija auf wunderbare Weise dazu beitragen kann, daß die Not einer armen Witwe und ihres Sohnes gelindert wird. Weil die Frau ein gutes Herz hat und fähig ist, trotz eigener Not das wenige noch mit anderen zu teilen, darum wird ihr von Gott mehr geschenkt, als sie zu erhoffen vermag: „Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet.“

Im Evangelium begegnet uns wieder eine Witwe, die selber in Armut lebt. Und dennoch ist sie bereit, ihr Herz zu öffnen für die Armen. Sie gibt eine äußerlich bescheiden anmutende Gabe und wirft sie in den Opferkasten. Vor Gott aber sind ihre zwei kleinen Münzen mehr wert als die scheinbar große Spende der Reichen. Denn diese haben nur ein wenig von ihrem Überfluß gegeben, und dies mit einem teilnahmslosen, ja ungerechten Herzen. Die Witwe hingegen hat alles gegeben, was sie in diesem Augenblick besaß. Weil unser Herr Jesus Christus dies bemerkt, darum weist er seine Jünger darauf hin. Sie sollen sich bewußt werden, daß Gott nicht auf die Größe einer Gabe schaut, sondern auf die Größe der Liebe, die damit verbunden ist!

Liebe Gläubige, welche Bedeutung können die heutigen Lesungen für unser Leben haben? Möchte uns das Wort Gottes nicht sagen, daß es im Leben auf die verborgenen Dimensionen unseres Daseins ankommt, auf das, was Gott sieht, und nicht auf das, was Menschen bemerken und wie sie urteilen? Hat nicht jeder von uns ein Gewissen, ein verborgenes Heiligtum im Herzen, wo er allein ist mit Gott und wo er das wahre Gesetz des Lebens erkennt: Tu das Gute, meide das Böse?! Wir sind alle aufgerufen, diesem Gewissen treu zu sein und ihm gemäß zu leben.

Wer sich einläßt auf das Abenteuer der Liebe, wer das Wagnis eingeht, für Gott Großes zu wagen und für ihn und seine Liebe auf manches vordergründig Wertvolle zu verzichten, der wird gewiß nicht enttäuscht werden. Gott läßt sich an Freigebigkeit nicht übertreffen!

Bitten wir die heilige Gottesmutter Maria um ihre liebevolle Fürsprache. Sie hatte den Mut zum Dienen – wahre Demut also! Auf diese Weise wurde sie reich gesegnet, mehr als alle anderen Frauen. Ihr Weg des Glaubens und der Hingabe ist auch der unsrige. Wagen wir es, und seien wir Jesus Christus und unseren Brüdern und Schwestern nahe durch unsere verborgene und doch so wirksame Liebe! Der Friede Christi, der alles Begreifen übersteigt, möge auch unser Herz erfüllen und uns einst die ewige Seligkeit Gottes schenken. Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at