Dr. Josef Spindelböck
Hochfest
der ohne Erbsünde empfangenen
Jungfrau und Gottesmutter Maria
zugleich 2. Adventsonntag (Lesejahr B)
8. Dezember 2002
L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: 2 Petr 3,8-14; Ev: Lk 1,26-38
Die aktuellen Meßtexte finden Sie im Schott!
Im Direktorium der Diözese St. Pölten 2002 heißt es zum heutigen Fest: „Das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria wird in Österreich heuer am zweiten Adventsonntag gefeiert. In der Meßfeier ist die 2. Lesung vom 2. Adventsonntag zu nehmen; außerdem soll der Charakter der Adventzeit in Hinweisen und in der Predigt zum Ausdruck kommen, ebenso in den Fürbitten, die mit dem Tagesgebet des 2. Adventsonntags zu beschließen sind (vgl. Dekret der Gottesdienstkongregation vom 17.02.1995, Prot. N. 284/95/L).“
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Heuer am 2. Adventsonntag des Jahres 2002 fällt auf diesen Tag zugleich das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, im Volksmund kurz und leider auch mißverständlich „Mariä Empfängnis“ genannt. Die österreichischen Bischöfe haben verfügt, daß dieser Tag festlich begangen wird, da gerade die Geschichte unseres Heimatlandes Österreich in einer besonders engen Verbindung zum Geheimnis der unbefleckt empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria steht.
Im Jahre 1647 hatte Kaiser Ferdinand III. die unbefleckte Gottesmutter zur Schutzpatronin des Erzherzogtums Österreich unter der Enns erklärt und der Wiener Universität die Errichtung eines Statuts befohlen, wonach niemand in die Universität aufgenommen, graduiert werden bzw. ein akademisches Amt übernehmen solle, ehe er nicht einen Glaubenseid auf die unbefleckte Empfängnis Mariens abgelegt hätte. In der NS-Zeit wurde der Feiertag am 8. Dezember vom Hitler-Regime abgeschafft. Nach dem Krieg führte eine von hunderttausenden Österreichern getragene Unterschriften-Aktion zur Wiedereinführung des Feiertages. Der Nationalrat beschloß im Jahr 1955, den 8. Dezember erneut als Feiertag zu begehen - als Dank für die wiederlangte Freiheit Österreichs.
Wir tun also gut daran, diesen heiligen Tag mit dankbarer Freude zu feiern und die heilige Gottesmutter Maria anzurufen, sie möge uns von Gott jene Gnade erbitten, die sie selber in so reicher Fülle empfangen hat!
Aber, liebe Brüder und Schwestern, Hand aufs Herz, was feiern wir denn wirklich an diesem Tag? Viele Menschen – und es sind nicht nur die „Kirchenfernen“, sondern auch regelmäßige Kirchgänger und in anderen Dingen relativ gut informierte Gläubige, unterliegen dem Irrtum zu meinen, daß wir an diesem Fest die jungfräuliche Empfängnis Jesu feiern, wie sie neun Monate vor der Geburt des Jesuskindes durch das wunderbare Wirken des Heiligen Geistes geschehen ist. Das aber führt dann zu einem terminlichen Problem: Von heute aus sind es ja eben nicht neun Monate bis Weihnachten, sondern nur mehr wenige Wochen. Es kann also doch nicht jenes Ereignis sein, das wir heute feiern. Die Empfängnis Jesu im Schoß der Jungfrau Maria wird nämlich am Fest der Verkündigung des Herrn an Maria, also am 25. März, in Erinnerung gerufen! Von da aus sind es tatsächlich neun Monate bis Weihnachten ...
Am heutigen Festtag hingegen bekennt die Kirche, daß Maria schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an frei war von der Erbsünde! Sie wurde durch ein außerordentliches Vorrecht, eben durch ein besonderes Eingreifen Gottes, bewahrt vor der Verstrickung in die Unheils- und Sündenmacht, der alle übrigen Menschen seit der Ursünde der Stammeltern (Adam und Eva) ausgeliefert sind.
Warum aber ist dies geschehen? Es hängt mit der besonderen Berufung und Aufgabe zusammen, die Maria erfüllen sollte. Sie war dazu ausersehen, die Mutter des menschgewordenen Sohnes Gottes zu werden. Von ihrem freien Ja-Wort sollte es abhängen, daß der Sohn Gottes Mensch würde. Als Gottesmutter wurde sie im voraus erlöst, und das auf vollkommenste Weise: Nicht der leiseste Schatten einer Sünde fiel auf Maria. Sie war frei von der Erbsünde und auch von jeder persönlichen Sünde, ihr ganzes Leben lang. Sie ist die ganz Heilige und unbefleckte Jungfrau! Kein Makel ist an ihr, sondern die Fülle der Gnade strahlt uns entgegen, wenn wir im Glauben auf die Gestalt der heiligen Gottesmutter Maria blicken.
Der heilige Anselm von Canterbury spricht davon, daß der heiligen Jungfrau Maria eine derart große Heiligkeit und Gnadenfülle zukommt, wie sie gar nicht größer gedacht werden kann für ein Geschöpf. Denn das bleibt Maria immer: Sie ist keine Göttin, sondern ist Mensch wie wir; eine von uns, die Gott erwählt hat und die stellvertretend für die ganze Menschheit das Ja zum Heilsplan Gottes sprechen durfte. In Maria tritt uns gleichsam der Höchstfall der Erlösung entgegen. Hier erblicken wir das Bild des vollkommenen Menschen, so wie Christus der Erlöser uns haben wollte.
Jede wahre Schönheit kommt von Gott, und so preisen wir Maria heute als die „ganz schön Gemachte“, wie man die Begrüßungsworte des Engels an Maria auch übersetzen kann („gratia plena“ – voll der Gnade). Echte Schönheit des Leibes gründet in einer reinen und heiligen Seele; der Adel der Seele jedoch kommt von Gott, der uns wunderbar erschaffen und auf noch wunderbarere Weise erlöst hat. So sehen wir in Maria das Bild des neuen und erlösten Menschen und insbesondere das Bild der Frau, so wie Gott sie haben will.
Vergessen wir nicht, daß Maria auch unsere himmlische Mutter ist! Jeder kann zu ihr hinzutreten, sie verachtet niemanden und weist keinen zurück. Ist eines von ihren Kindern hingefallen und hat sich beschmutzt durch die Sünde, so hebt die heilige und unbefleckt empfangene Gottesmutter Maria gerade dieses Menschenkind mit um so größerer Liebe auf und nimmt es an ihr Herz. Niemand ist ihr zu gering; jeden kann sie zu Gott führen, wo immer er auch steht. Lassen wir uns in dieser Adventzeit hinführen zur wahren Heiligkeit. Nehmen wir die Gnaden an, die uns Gott schickt, gerade auch für unsere persönliche Bekehrung zu mehr Gottes und Nächstenliebe. Wieso sollte es nicht vorstellbar sein, daß wir wieder einmal die heilige Beichte empfangen? Denn hier wäscht uns Gott selber durch das Blut Christi rein von all unseren Sünden. Der Mensch wird wiederhergestellt, so wie er in der Taufunschuld vor Gott gestanden ist, ja auf noch größere und erhabenere Weise, wie es für uns gar nicht vorstellbar ist!
Bald ist Weihnachten; nehmen wir unsere Zuflucht bei Maria, der allzeit heiligen und unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter. Sie hat bei Gott Gnade gefunden – nicht um ihretwillen, sondern unseretwegen, um unseres Heiles willen. So durfte sie die Gottesmutter und die Mutter aller Menschen werden. Ihrer Liebe vertrauen wir uns an und sind voll Zuversicht: Der Herr wird kommen. Eilt ihm mit Freude und Hoffnung entgegen! Amen.