Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens
in den
Himmel (15. August 2003)
L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56
Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
„Wer ist sie, die da aufstrahlt wie die Morgenröte, schön wie der Mond, leuchtend wie die Sonne, furchtbar wie ein Heer in Schlachtbereitschaft?“ (Legio Mariae: Antiphon zur „Catena“)
Vor unserem geistigen Auge – und sichtbar auch auf der plastischen Darstellung des Hochaltars unserer Kirche hier in Aggsbach-Markt – steht heute die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria, wie sie von Gott aufgenommen wird in die Herrlichkeit des Himmels. Am heutigen Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel (kurz: Mariä Himmelfahrt) dürfen wir das Patrozinium unserer Kirche feiern, und wir tun das in inniger Verbundenheit mit unserer himmlischen Königin und Mutter Maria.
Jede Größe und Auszeichnung Mariens ist ein Geschenk, das sie von Gott erhalten hat. Sie ist die reich Begnadete, die Jungfrau „voll der Gnade“ nicht aus eigener Befähigung, sondern weil Jesus Christus, ihr Sohn, sie so sehr geliebt und beschenkt hat. Es gab für keinen Menschen eine größere Berufung, als die Mutter des Sohnes Gottes zu werden. Gott selber erwählte dazu Maria aus Nazareth und beschenkte sie mit seiner Gnadenfülle. Von Anfang an, d.h. vom Zeitpunkt ihrer eigenen Empfängnis, war sie frei von jeder Sünde (sowohl von der Erbsünde wie auch von jeder persönlichen Sünde). Gott bewirkte dieses Gnadenwunder, weil er seinem Sohn eine würdige Mutter bereitstellen wollte. Und doch war Maria frei: Sie sollte ihr Ja-Wort geben zur Menschwerdung des Sohnes Gottes aus ihrem jungfräulichen Schoß. Sie gab dieses Ja-Wort im Namen der ganzen Menschheit. So nahm sie den Bund an, den Gott uns anbietet!
Mit dem heutigen Fest schließt sich der Bogen des Lebens Mariens. Ihr Leben auf Erden stand ganz im Dienst des göttlichen Heilsplans, den Gott durch seinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist verwirklichen will. Wir wissen nicht, wie alt Maria geworden ist. Als ihr Leben vollendet war, da sollte sie in ganz besonderer Weise mit ihrem göttlichen Sohn verbunden sein. Bereits unter dem Kreuz Jesu hatte sie im Herzen mit Jesus mitgelitten. Alles Leid hatte sie mit ihm geteilt. Ihre Liebe kannte keine Grenzen, mit der sie alle Menschen in ihr mütterliches Herz einschloss und so die geistliche Mutter aller Menschen werden durfte. Nun sollte sie nach dem Plan Gottes sterben. Ihr eigener Tod – so wird allgemein angenommen – war eher ein sanfter Hinübergang als ein wirkliches Sterben. Dann aber, und das ist der Inhalt des heutigen Festgeheimnisses, wurde Maria mit Leib und Seele verherrlicht und in die himmlische Seligkeit aufgenommen.
Was heißt das nun konkret? Wir glauben ja, dass sich beim Tod eines Menschen die Seele vom Leibe trennt. Die Seele ist unsterblich und lebt fort. Sie kommt zuerst vor Gottes Gericht, wo sie das Urteil über das irdische Leben empfängt. Wir hoffen und beten, dass möglichst viele Menschen gerettet werden und die himmlische Seligkeit in der Anschauung Gottes erfahren dürfen. Wer noch nicht ganz bereit ist dafür, weil er noch gereinigt werden muss von Sünden oder Sündenstrafen, der macht eine reinigende Läuterung im Fegfeuer (Purgatorium) durch. Nur wer bis zum Ende unbußfertig verharrt ist in der Ablehnung Gottes durch eine Todsünde, kann nicht eingehen ins Reich Gottes (Hölle). Wir hoffen und beten, dass sich alle Sünder bekehren und niemand verloren gehen möge!
Der Leib eines Menschen ist jedoch im Gegensatz zur Seele sterblich und vergänglich. Der normale Lauf der Dinge ist es, dass der Leichnam ins Grab gelegt wird und verwest. Bei manchen Heiligen allerdings ist der Leichnam unverwest erhalten geblieben, so bei der hl. Bernadette Soubirous, der die Gottesmutter Maria in Lourdes erschienen ist.
Weil Jesus Christus wirklich am Kreuz gestorben und am dritten Tage von den Toten auferstanden ist, darum halten wir Christen auch daran fest, dass Gott einst auch unseren Leib auferwecken wird. Wie das möglich ist, wissen wir nicht. Doch wir trauen es Gottes Allmacht und Liebe zu. So wird bei der allgemeinen Auferstehung der Toten am Ende der Welt jeder wieder mit seinem eigenen Leib verbunden sein: die Gerechten werden einen verherrlichten, verwandelten und verklärten Leib empfangen; die Verdammten einen Leib der Schande, in dem sie unaussprechliche Qualen erdulden müssen.
Das Fest Mariä Himmelfahrt lehrt uns, dass Gott in Maria jenes Wunderbare und Große schon vorweggenommen hat, das uns alle erwartet. Er hat sie mit Leib und Seele verherrlicht, sie in ihrer Ganzheit angenommen und im Himmel zur Königin gekrönt. Wenn wir heute auf die Herrlichkeit Mariens blicken, dann freuen wir uns, denn sie ist ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes für das pilgernde Gottesvolk.
Wunderbar hat Gott den Menschen erschaffen, und noch wunderbarer hat er ihn erlöst. Dies ist in einzigartiger Weise an der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria sichtbar geworden.
Was aber tut Maria im Himmel? Sie freut sich an Gottes Herrlichkeit und teilt ihr Glück mit der unzählbaren Schar der Engel und Heiligen. Sie denkt aber auch in mütterlicher Liebe an uns alle, die wir noch in diesem Erdentale wandeln und von so mancherlei Traurigkeit und Sorge bedrückt werden.
Wir dürfen überzeugt sein: Maria hat bei Gott „Einfluss“; sie vermag alles durch ihre mütterliche Fürbitte. Wie sollten wir nicht zu ihr emporblicken und uns ihr ganz anvertrauen? Wie sollten wir sie nicht um Schutz und Segen bitten für uns selber, für unsere Familie und Gemeinschaften, für die Gesellschaft und für die ganze heilige Kirche?
Mariens Ohr ist nicht taub für unsere Bitten. Sie hört uns und erwirkt uns Erhörung bei Gott. In diesem Vertrauen dürfen wir nicht nachlassen zu beten, besonders das Gebet des Rosenkranzes. Gott schenkt uns, was für uns am Besten ist. Die einzige Bedingung dafür ist Glaube und Vertrauen in jeder Lebenslage. Möge uns die heilige Gottesmutter Maria hier allezeit begleiten! Amen.
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