Dr. Josef Spindelböck

Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten 2002) – in der Nacht

Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

In dieser heiligen Nacht, wo die Welt gleichsam den Atem anhält und alles in heiligem Schweigen begriffen ist, kommt das göttliche Wort vom Himmel herab auf diese Erde (vgl. Weish 18,14 f). Der Sohn Gottes wird Mensch. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14a)!

Wir haben uns im Advent wieder vorbereitet auf dieses heilige Fest. Die Kinder haben sich in Erwartung des Christkindes ihrer Vorfreude auf das große Ereignis hingegeben. Auch wenn sich hier so manches vermischt: Weltliches und Geistliches, Konsum und Kommerz mit der wahren und echten Freude über die Geburt des Jesuskindes, so kann sich doch kaum jemand dem Geheimnis von Weihnachten ganz entziehen.

Wenigstens in dieser heiligen Nacht spüren wir alle irgendwie: Großes ist geschehen damals vor 2000 Jahren, als der Sohn Gottes Mensch geworden ist aus der Jungfrau Maria. Die Geburt dieses Kindes im Stall von Bethlehem hat Freude in die Welt gebracht und ein neues Licht erstrahlen lassen, das von der Krippe her auch heute noch die Welt erleuchtet!

Die heilige Gottesmutter Maria und das Jesuskind, dazu der heilige Josef – wie muß es der heiligen Familie ergangen sein in dieser einzigartigen Nacht! Es war nicht einfach „Romantik pur“, sondern Armut und Kälte, Ausgestoßensein von den Menschen, Ausgeliefertsein an die Härte der Natur, inmitten eines Stalles, umgeben von Tieren ...

Freilich, in all dem erkannten Maria und Josef die göttliche Fügung, den göttlichen Plan. Sie waren trotz ihrer Not und aller Schwierigkeiten nicht verzagt, sondern vertrauten auf die Vorsehung Gottes. Es hatte alles seinen tiefen Sinn: Nicht die Reichen und Mächtigen wurden in dieser Nacht bevorzugt und auserwählt, sondern das arme, dafür aber umso gläubigere „traute und hochheilige Paar“ aus Nazareth, das jetzt in Bethlehem weilte, war dazu ausersehen, den Messias aufzunehmen!

Wie wird sich das große Ereignis, das so verborgen vor den Augen der Welt ablief und dessen einzige Zeugen die Engel des Himmels und dann die Hirten waren, wohl abgespielt haben? Einer, der dabei war, hat es sicher auf die intensivste Weise erfahren und gedeutet: der heilige Josef.

Josef von Nazareth, der gerechte Mann, war verlobt mit Maria. Diese erwartete ein Kind, das sie nicht von ihm empfangen hatte, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef traute Gott dieses Wunder zu, und er vertraute seiner Braut, daß sie ihn nicht hintergangen hatte. So wurde er von Gott dazu berufen, der bevorzugte Zeuge der Menschwerdung des ewigen Wortes zu werden.

Hinter allem Äußeren und Unscheinbaren sah Josef mit den Augen des  Glaubens den Plan und das Wirken Gottes. Er ließ sich nicht davon irritieren, daß nach der Geburt des Jesuskindes keine Abgesandten des königlichen Hofes erschienen, sondern nur ein paar einfältige Hirten. Ihm war das notdürftig hergerichtete Gebäude des Stalls von Bethlehem nicht verachtenswert, weil ja Gott selbst es für seinen Sohn auserwählt hatte.

Josef stand seiner Braut Maria treu zur Seite. Er trug all das mit, was sie an Unverständnis und Leid vonseiten der Menschen zu erfahren hatte. Seine besondere Aufgabe und Berufung war es, dem Kind und seiner Mutter zur Seite zu stehen, es väterlich zu beschützen. So gilt Josef zwar nicht im leiblichen Sinn, wohl aber im gesetzmäßigen Sinn als wahrer Vater Jesu.

Diese seine besondere Aufgabe des Schutzes und der Fürsorge übte er in jener heiligen Nacht aus, indem er wachend und betend seiner Braut beistand, die das Kind gebären sollte. Auch dem Josef war ja ein Engel erschienen, wie uns Matthäus berichtet. Dieser hatte ihn über das Geschehen in angemessener Weise in Kenntnis gesetzt, sodaß Josef ganz sicher sein konnte, daß durch das Wirken des Heiligen Geistes Großes geschehen war an Maria, der ihm anverlobten Braut. Diese sollte er als Frau zu sich aufnehmen, so war es der Wille und Plan Gottes.

Die alttestamentlichen Weissagungen und Voraussagen müssen Josef und Maria  gut bekannt und im Herzen gegenwärtig gewesen sein, da in ihnen vom Messias die Rede war, der über das Haus David in Ewigkeit herrschen sollte. Viele erwarteten sich einen machtvoll auftretenden Erlöser, der die politische Herrschaft antreten würde. Maria und Josef sahen tiefer. Sie zweifelten nicht am Wort Gottes, auch wenn nach außen hin das Kind in Armut und Unscheinbarkeit zur Welt kam. Sie glaubten an den Sohn Gottes, der nach dem Ereignis der Geburt in Windeln gewickelt vor ihnen lag, und beteten ihn an!

Kehren wir nun zurück in unsere Gegenwart! Vor uns liegt das Kind in der Krippe, zur Erinnerung und lebendigen Vergegenwärtigung jenes Geschehens vor 2000 Jahren! Glauben wir noch an dieses Kind? Oder ist es bloß Romantik oder Brauchtum, das uns die Heilige Nacht mitfeiern läßt? Und selbst wenn es so wäre: Vielleicht brennt doch ganz tief in unserem Inneren noch ein kleines Licht der Sehnsucht und Erwartung für all das Große, das Gott in seinem Sohn Jesus Christus denen bereitet hat, die ihn lieben wollen!

Das heutige Fest zeigt uns, wie groß und wertvoll der Mensch in den Augen Gottes ist. Nicht nur die Engel hat Gott auf diese Erde gesandt, sondern er selbst ist einer von uns geworden im Geheimnis der Menschwerdung. Wir glauben daran, daß die zweite göttliche Person, das ewige Wort Gottes, Mensch geworden ist aus Maria, der Jungfrau! Diese Herablassung Gottes, diese Menschenfreundlichkeit erfüllt uns mit Freude.

Wen wundert es da, daß wir Menschen dieses Ereignis zum Anlaß nehmen, uns auch gegenseitig Gutes zu wünschen? Wer könnte es nicht verstehen, daß man sich gegenseitig beschenkt, wenn Gott selber uns so Großes geschenkt hat in seinem Sohn Jesus Christus? Als Kind ist Jesus unter uns erschienen, und so hat Gott gezeigt, daß er die Familien und insbesondere die Kinder liebt. Einfache und gütige Menschen, die noch an das Große glauben können, hat Gott auserwählt, um die Reichen und Starken, die Hochmütigen und Hartherzigen zu beschämen.

Wenn uns mit Weihnachten wirklich ernst ist, dann sollen auch wir die Mitmenschen in Liebe annehmen und ihnen unser Herz öffnen. Das beginnt zuallererst in der eigenen Familie. In jedem unserer Nächsten begegnet uns auf verborgene Weise das göttliche Kind. Das Kind in der Krippe haben wir nur dann gut verehrt, wenn wir beginnen, einander in diesen Tagen von Herzen anzunehmen, wo nötig zu vergeben und in Liebe Gutes zu tun. Möge uns allen der Friede des menschgewordenen Sohnes Gottes geschenkt werden und auch der ganzen Welt um uns und in der Ferne! Amen.

 

 

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at