Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten
2002) – am Tag
Messe
in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am
Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am
Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18
Allmächtiger Gott, du hast den Menschen
in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.
Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
(Tagesgebet der „Messe vom Tag“ am Hochfest der Geburt des Herrn, 25.12.)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Nun ist es bereits Tag geworden, und wir sind von der „Heiligen Nacht“ übergegangen in den „Heiligen Tag“, den Christtag. Aufgeleuchtet ist uns an der Krippe die Liebe des menschgewordenen Sohnes Gottes. Hell werden soll es durch den Glauben in unseren Herzen, und unsere Worte und Taten mögen die Liebe widerstrahlen und weitergeben, die wir empfangen haben!
Das Meßformular der Weihnachtsmesse „vom Tag“ spricht im Tagesgebet davon, daß Gott den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt hat.
Am Anfang – so berichtet uns die Heilige Schrift – schuf Gott Himmel und Erde (vgl. Gen 1,1). Die Schöpfung ist Gottes Plan, der alles auf wunderbare Weise eingerichtet und geordnet hat. Der unbelebten und der belebten Natur, Pflanzen und Tieren, Menschen und Engeln hat Gott seinen Platz zugewiesen. Alle Dinge existieren, weil Gott sie ins Dasein gerufen und weil er sie gewollt hat. Es ist Gottes Güte und Liebe, durch die alles geschaffen worden ist, was lebt und existiert. Im Evangelium heißt es: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1,3) Dieses ewige Wort, das von Anfang an beim Vater war, ist der Sohn Gottes. In ihm wurde alles geschaffen, so auch der Mensch!
Der Mensch ist die Krone der sichtbaren Schöpfung. Als Mann und als Frau ist der Mensch das Abbild Gottes, da er in einer besonderen Weise Gott ähnlich ist durch die Gaben, mit denen Gott seine Natur ausgestattet hat: Der Mensch hat einen Verstand, und er kann sein Leben verantwortlich gestalten. In Freiheit soll er sich selbst und seine Handlungen auf das Gute hinlenken, das er im Gewissen erkennt. Darin besteht die eigentliche Würde des Menschen!
Ja, es ist wahr: Gott hat den Menschen wunderbar geschaffen.
Nun gab es aber leider eine Störung in der Ordnung und Harmonie der Schöpfung. Der Mensch verstand es nicht, seine Freiheit in rechter Weise zu gebrauchen. Anstatt alle Dinge in Einklang mit der göttlichen Ordnung zu gebrauchen, lehnte er sich gegen das Gebot Gottes auf und sündigte. Er widersetzte sich dem göttlichen Plan, weil er selber sein wollte „wie Gott“, wie ihm die Stimme des Versuchers im Paradies einflüsterte (vgl. Gen 3,5). Dies war jedoch verhängnisvoll!
Anstatt Gutes zu erreichen für sich und für die übrige Schöpfung, verdarb der Mensch durch seine Eigenmächtigkeit alles. Sein Stolz war die Ursache seines Falles, sodaß er erkannte, wie „nackt“ er vor Gott war (Gen 3,10 f).
Größe und Elend des Menschen liegen so eng beisammen! Das sehen wir gerade am Beispiel der Stammeltern Adam und Eva im Paradies und auch danach so oft, auch in unserer Gegenwart!
Aber: Damit war nicht das letzte Wort gesprochen. Gott kündigte den Retter an, der das Los der Menschheit wieder wenden würde. Es sollte der Sohn einer Frau sein, der durch seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz den Ungehorsam der Menschen wieder gutmachen würde. So stehen bereits im Buch Genesis 3,15 jene rätselhaften und im Hinblick auf die Zukunft des Menschen verheißungsvollen Worte Gottes zur Schlange: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.“
Eben dies hat sich nach langer Zeit des Wartens und Sehnens verwirklicht im Kommen des Sohnes Gottes auf diese Erde. „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in diese Welt“, schreibt Johannes (1,9). Welch Augenblick! Er, der Schöpfer, kam zu uns in Knechtsgestalt, um den Knecht zu erlösen. Gott solidarisierte sich mit dem Menschen, der so wenig Gutes vorzuweisen hatte. Gott wurde Mensch. „Das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)
Ein Schlußstrich wurde gezogen unter jene Unheilsgeschichte, die durch die Schuld Adams und die persönliche Schuld von uns allen immer wieder wirksam werden möchte. Weihnachten sagt uns: Wir sind aus diesem Teufelskreis der Sünde und des Todes entrissen. Wir sind frei und nicht mehr länger Sklaven. Wir sind Gottes Kinder geworden, „Söhne im Sohn“.
Nun können wir mit der Kirche beten: „Laß uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ Das Ziel ist die Vergöttlichung, aber nicht aus eigener Machtvollkommenheit und Anmaßung, sondern aus Gnade. Gott gibt uns Anteil an seiner eigenen Natur. In der Taufe gießt er uns das göttliche Leben ein, sodaß wir wirklich teilhaben dürfen an der Gottheit Jesu Christi. Er hat unsere menschliche Natur angenommen durch seine wunderbare Empfängnis und Geburt aus Maria, der Jungfrau. Er vollzieht gleichsam einen wunderbaren Tausch mit uns und schenkt uns Anteil an seiner göttlichen Natur.
Wenn der Priester bei der Gabenbereitung der Messe ein paar Tropfen Wasser mit Wein vermischt, betet er: „Wie das Wasser sich mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ Das heißt: Wenn wir in rechter Weise und gut vorbereitet in der Heiligen Kommunion den heiligen Leib und das kostbare Blut Christi empfangen, so dürfen wir teilhaben an der Gottheit Christi, der für uns Mensch geworden ist.
Weihnachten ist das Fest unsagbarer göttlicher Nähe! Christus ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Er hebt uns empor zum Vater im Himmel und gibt uns im Heiligen Geist Anteil am göttlichen Leben. So kann der Evangelist Johannes (1,16) mit Recht sagen: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ Danken wir Gott dem Herrn für dieses unschätzbare Geschenk seiner Liebe. Knien wir in Demut und Liebe nieder vor dem göttlichen Kind und bitten es, daß es auch unser Herz mit seinem Licht erfüllt. Dann heißen wir nicht nur Kinder Gottes, sondern sind es und dürfen auch als solche leben, bis wir einst alle vereint sind im ewigen Vaterhaus Gottes im Himmel! Amen.