Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs
Predigt am 1. Januar 1998
Hochfest der Gottesmutter Maria
L 1: Num 6,22-27; L 2: L 2: Gal 4,4-7; Ev: Lk 2,16-21
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Der 1. Januar läßt ein neues Jahr beginnen! Das wird uns mit jeder Stunde dieses neuen Jahres mehr und mehr bewußt. Nur wenige Menschen allerdings wissen, daß die Kirche jeweils am 1. Jänner ein besonderes Fest feiert: das Hochfest der Gottesmutter Maria!
Die heilige und jungfräuliche Gottesmutterschaft der seligen Jungfrau Maria steht im Mittelpunkt dieses Festes. Und wenn wir uns fragen, wieso damit das bürgerliche Jahr eröffnet wird, so kann darauf geantwortet werden: Durch Maria ist Jesus, der Sohn Gottes, in diese Welt eingetreten, als die Fülle der Zeit gekommen war (vgl. Gal 4,4).
Gott hat in seiner göttlichen Souveränität und Freiheit ein Geschöpf auserwählt, das in eine besondere Nähe der Mitwirkung mit seinem Heilsplan treten sollte: die Jungfrau Maria aus Nazareth. Von ihrem freien Ja-Wort wollte es Gott in seiner Liebe abhängig machen, Mensch zu werden. In Maria erkennen wir den Anfang des Heiles, das der Menschheit von Gott geschenkt ist. In ihr leuchtet die Gnade der vollkommenen Erlösung auf, so wie Gott den Menschen haben will.
Wir können es nur erahnen und staunend verehren, was es wohl für Maria heißen mag, die Mutter des Sohnes Gottes zu sein. Da wird der ewige Gott in ihrem Schoße Fleisch. Die zweite göttliche Person, Gott Sohn, das ewige Wort des Vaters, erhält in seiner aus Maria angenommenen Menschheit einen Anfang in der Zeit.
Maria wird in eine nicht vorstellbare Nähe zum dreifaltigen Gott erhöht: Sie kann mit Gott Vater über Jesus Christus, ihren Sohn, sprechen: Dieser ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich mein Wohlgefallen (vgl. Lk 3,22; Mt 17,5). Maria ist das strahlende Heiligtum des Heiligen Geistes, die Braut des Allerhöchsten. Es ist darum recht und billig, daß wir sie in besonderer Weise verehren. Freilich: Maria wird nicht angebetet. Denn Anbetung gebührt nur dem dreifaltigen Gott. Maria bleibt trotz ihrer Erwählung zur Gottesmutterschaft ein Geschöpf. Und zwischen Schöpfer und Geschöpf besteht trotz aller Nähe immer ein unendlicher Abstand.
Aber Maria ist kein Geschöpf, dessen Verehrung uns von unserem Schöpfer wegführen könnte. Im Gegenteil! Je mehr wir Maria verehren, je mehr wir uns ihr mit liebevollem Herzen hingeben und anvertrauen, desto näher führt sie uns zu ihrem göttlichen Sohn, unserem Herrn Jesus Christus. Wenn wir Maria verehren, dann preisen wir Gott, der Großes an ihr getan hat. Wir anerkennen dankbar die Wunder, die Gott an seiner demütigen Magd gewirkt und vollbracht hat.
In Maria leuchtet das Bild des erlösten Menschen auf, so wie Gott den Menschen haben will. Sie ist allezeit ohne Sünde. Weder die Ursünde noch eine persönliche Sünde hat sie jemals verunstaltet. Ganz rein ist sie, makellos und heilig. In Maria erstrahlt uns die Kirche, so wie Christus sie als seine Braut erwählt hat und liebt. Maria ist das hervorragendste Glied der Kirche und als solches ihr Typus, ihr Vorbild und Urbild. Wenigstens in einem Menschen ist Gottes Gnade schon vollkommen an ihr Ziel gelangt, da die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen wurde.
Dort herrscht sie mit ihrem göttlichen Sohn als Königin aller Engel und Heiligen. Dennoch ist sie uns nicht fern. Maria, unsere himmlische Mutter, kennt unsere Nöte und Sorgen, die wir vertrauensvoll ihrer Fürbitte empfehlen wollen.
Gott ist Mensch geworden aus der Jungfrau Maria, damit wir zu Kindern Gottes werden. In dieser Freiheit der Kinder Gottes erwarten wir das ewige Erbe (vgl. Gal 4,7), das Gott allen schenken will, die ihn aufrichtig lieben und ihm von Herzen dienen wie Maria. Amen.
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