Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 1. Januar 2001
Hochfest der Gottesmutter Maria

L 1: Num 6,22-27; L 2: Gal 4,4-7; Ev: Lk 2,16-21

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Am Anfang des neuen Jahres feiert die Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria. Vielleicht fragt jemand, wieso wir als katholische Christen die heilige Jungfrau Maria so sehr hervorheben. Geht es uns denn nicht vor allem um Gott, um Jesus Christus? Steht Maria da nicht der direkten Beziehung des Menschen zu Gott im Wege?

In der Geschichte des christlichen Glaubens und der Frömmigkeit hat sich gezeigt, daß dem nicht so ist: Dort, wo Maria erkannt, geliebt und verehrt wird, wird auch ihr Sohn Jesus Christus besser erkannt, mehr geliebt und auf gebührende Weise angebetet und verherrlicht. Wo Menschen die rechte Liebe und Verehrung der Gottesmutter Maria aufgegeben haben oder nie gekannt haben, dort fehlt ihrer Christusbeziehung etwas, mag es ihnen vielleicht selbst gar nicht so bewußt sein. Denn zum Sohn – Jesus – gehört die Mutter: Maria!

Als in den ersten christlichen Jahrhunderten bestimmte Fragen unseres Glaubens genauer geklärt wurden, da war das Hauptthema: Wer ist Jesus Christus? Manche meinten, er sei ein bloßer Mensch; andere wiederum stellten seine Gottheit so stark heraus, daß seine wahre Menschheit abgeschwächt oder gar geleugnet wurde. Die Kirche gab die für den Glauben verbindliche Antwort: In Jesus Christus sind zwei Naturen, die göttliche und die menschliche. Seine Gottheit und Menschheit sind in der Einheit der Person des göttlichen Wortes verbunden. Der Erlöser tritt uns also in seiner Person gegenüber als wahrer Gott und wahrer Mensch, mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut.

Was auffällt, wenn wir diese frühchristlichen Auseinandersetzungen und Klärungen erwägen, ist, daß es hier immer zuerst um Gott gegangen ist: Wer ist Gott? Wer ist sein menschgewordener Sohn, wer ist der Heilige Geist? Und gerade in der Hervorhebung der wahren Menschheit Christi haben die Kirchenväter und Theologen das Besondere seiner Geburt aus der Jungfrau Maria herausgestellt. Sie haben bekannt, daß Gott eine Frau dazu auserwählt hat, die Mutter des Erlösers zu sein. Ja, Jesus Christus hat nicht einen Scheinleib angenommen, sondern einen wirklichen Leib. Dieser Leib kam ihm nicht von irgendwoher zu, sondern wurde ihm geschenkt durch die Empfängnis und Geburt aus der Jungfrau Maria. Sie wird daher mit vollem Recht Gottesmutter genannt, weil sie den geboren hat, der von Ewigkeit her als wahrer Gott in der Einheit des Heiligen Geistes mit dem Vater lebt und herrscht.

Das Konzil von Ephesus verkündete im Jahre 431 den Ehrentitel „theotókos“ (Gottesmutter, Gottesgebärerin) für Maria. Damit wurde die Ehre ihres Sohnes verteidigt, der seiner Gottheit nach der wesensgleiche Sohn des Vaters von Ewigkeit ist und der seiner Menschheit nach aus Maria, der Jungfrau, geboren wurde. Das Lob, das wir Maria erweisen, wenn wir sie als wahre Gottesmutter und Jungfrau bekennen, gilt ihrem Sohn Jesus Christus. Wenn wir Maria preisen als das, was sie ist, dann anerkennen wir das Werk Gottes in ihr. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, Gott etwas wegzunehmen, sondern wir verehren die Größe der Liebe Gottes in ihr.

So ist die Kirche zur im Glauben erfahrenen Gewißheit gelangt, daß uns die Jungfrau und Gottesmutter Maria nicht im Wege ist, wenn wir uns an ihren Sohn Jesus Christus wenden wollen. Auch der Beginn des neuen Jahres steht daher mit Recht unter dem besonderen Schutz dieser heiligen Mutter. Sie war gleichsam die Pforte, durch die das ewige Wort, ihr Sohn Jesus Christus, in diese Welt eingetreten und zu uns Menschen gekommen ist. Sie war ganz „transparent“ für Gott, durchlässig für ihn, so sehr, daß ihre Jungfräulichkeit keinen Schaden erlitt, als sie Jesus ohne Mitwirkung eines Mannes vom Heiligen Geist empfing und ihn der Welt zum Heile gebar.

Maria bleibt allezeit die ganz und gar von Gott Durchdrungene und Durchstrahlte. Wer sie anblickt und sie verehrt, der wird in den Bannkreis der göttlichen Liebe gezogen. Wer Maria sucht, wird nicht sie, sondern nur Gott finden. Alles an ihr ist Gott wohlgefällig, sie ist die ganz und gar Geheiligte, die von der Gnade ihres Sohnes erfüllte Mutter Gottes und der Menschen.

Wenn wir darum einen Neujahrswunsch formulieren sollen, dann könnte es wohl keinen Besseren geben als den, daß wir alle durch den Schutz der gnadenvollen Mutter des Herrn immer inniger mit Gott verbunden werden und dies das ganze Jahr hindurch, ja durch unser ganzes Leben hin bleiben. Wenn wir auf diese Weise Maria auch Mutter für uns sein lassen, dann wird sie uns einst für den Himmel gebären. Sie wird uns Gott dem Herrn vorstellen, der in Jesus Christus ihr Kind geworden ist. Sie wird uns den als Gott zeigen, den sie seiner Menschheit nach erblicken und anfassen durfte. Sie durfte den Mensch gewordenen Sohn Gottes unter ihrem Herzen und auf ihrem Arm tragen, der alles trägt durch sein machtvolles Wort (vgl. Hebr 1,3).

Den dreifaltigen Gott also verehren wir, wenn wir Maria anrufen und um ihre Fürbitte anflehen! „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder – jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“


SANKT JOSEF - www.stjosef.at