Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Zweiten
Sonntag der Osterzeit
("Weißer Sonntag", 19. April 1998)
L 1: Apg 5,12-16; L 2: Offb 1,9-11a.12-13.17-19; Ev: Joh 20,19-31
Liebe Brüder und Schwestern!
Der Apostel Thomas hatte Schwierigkeiten mit dem Osterglauben. Er war nicht dabei, als Jesus den übrigen Aposteln erschien, und er konnte es einfach nicht fassen, daß Jesus auferstanden ist und lebt. Thomas ist sozusagen der "Rationalist" unter den Aposteln, der Zweifler und Skeptiker, der nicht sofort alles glaubt, sondern selber Beweise haben will, denen er vertrauen kann. Vielleicht macht ihn gerade dies dem heutigen Menschen so sympathisch: Denn auch der moderne Mensch möchte oft Beweise sehen, er ist kritisch oder gar skeptisch und glaubt nur das, was er selber sehen und anfassen kann.
Beläßt Jesus den Apostel Thomas in seinem Zweifel? Oder bestraft er ihn dafür, indem er zum Beispiel Feuer vom Himmel fallen läßt, das den ungläubigen Apostel verschlingt? Nein! Im Gegenteil: Jesus kommt ihm entgegen und führt auch ihn zum Osterglauben. Acht Tage darauf sind die Apostel nämlich wieder versammelt, und Thomas ist bei ihnen. Jesus erscheint nochmals, und er offenbart sich dem Apostel Thomas ganz persönlich. Auf alles Wünsche des Thomas geht Jesus ein, es ist unfaßbar! Er läßt ihn mit den Fingern seine Hände berühren und fordert ihn auf, seine Hand in seine Seite zu legen, um sich von der Echtheit der Auferstehung Jesu zu überzeugen und in Zukunft nicht mehr ungläubig, sondern gläubig zu sein.
Thomas erkennt die Wirklichkeit des Herrn, und er bekennt: "Mein Herr und mein Gott!" Sein Zweifel war nicht festgeschrieben für immer, sondern der vormals ungläubige Apostel war fähig, die ihm persönlich geschenkte Gnadenstunde anzunehmen und so zu einem ganz tiefen Osterglauben zu finden.
Etwas dürfen wir freilich nicht übersehen: Es heißt, daß Thomas trotz seiner Zweifel und seiner vorläufigen Unfähigkeit zu glauben, nicht den Kreis der Apostel verließ. Er bemühte sich weiterhin, mit jenen in Verbindung zu bleiben, die vor dem Tod Jesu als Apostel und Jünger eine Gemeinschaft bildeten. Hätte er aus Verärgerung oder gar aus Besserwisserei gesagt: Ich will mit euch nichts mehr zu tun haben, da ihr daran glaubt, daß Jesus auferstanden ist, dann wäre ihm selber diese besondere Erfahrung wahrscheinlich nie mehr zuteil geworden. Jesus erscheint dem Thomas eben nur in der Gemeinschaft mit den übrigen Aposteln.
Vielleicht kann das auch uns helfen, die wir manchmal um unseren Glauben an Jesus Christus ringen müssen und vielleicht angefochten sind von der Not des Zweifels. Wir gehören zur Kirche als der Gemeinschaft der Glaubenden. In dieser Kirche trägt einer den anderen. Es gibt Menschen, die sich ihres Glaubens sehr sicher sind, es gibt aber auch die Suchenden und Zweifelnden. Wer sich redlich müht, die Liebe Gottes zu erkennen und darum betet, der darf und soll die Verbundenheit aller übrigen Glaubenden weiterhin erfahren. Wir dürfen niemanden ausschließen, nur weil er vielleicht momentan Schwierigkeiten mit dem Glauben hat. Umgekehrt sollen auch jene Menschen, die in eine Glaubenskrise geraten, sich nicht verlassen fühlen. Sie dürfen aber auch nicht selber resignieren und sich zurückziehen, indem sie aufhören zu beten oder vielleicht gar aus der Kirche austreten. Denn dann wird es für sie viel schwieriger, die Erfahrung eines Glaubenszeugnisses zu machen, das den eigenen Glauben wieder stärken oder neu begründen kann.
Als Thomas den Glauben an den Auferstandenen gefunden hatte, war er sehr dankbar dafür. Er setzte sein Leben ein für seinen Herrn und Gott, Jesus Christus, den er in Wahrheit erkannt hatte. Es heißt, daß er bei seiner Verkündigungstätigkeit sogar bis nach Indien gekommen ist, wo sich heute noch die "Thomaschristen" von ihm ableiten.
Auf den Glauben kommt es an, auch in unserem Leben. Bitten wir den heiligen Apostel Thomas um seine Fürsprache, daß wir allezeit Menschen sind, die die Wahrheit Christi von ganzem Herzen suchen und dann, wenn wir den Herrn gefunden haben, ihn freudig unseren Mitmenschen verkünden! Amen.
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