Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 2. Sonntag nach Weihnachten
(4. Januar 1998, Lesejahr C)

L 1: Sir 24,1-2.8-12; L 2: Eph 1,3-6.15-18; Ev: Joh 1,1-18

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Noch einmal wird uns an diesem 2. Sonntag nach Weihnachten das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria vor Augen gestellt. Christus hat nicht bloß einen Scheinleib angenommen, sondern besitzt eine wahre Menschennatur. Gott ist in allem uns gleich geworden außer der Sünde. So ist Christus unser Bruder geworden! Jesus Christus ist zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch in der einen Person des göttlichen Wortes.

Warum ist Gott ein kleines Kind geworden? Was hat ihn dazu bewogen? Es gab für Gott keine Notwendigkeit, Mensch zu werden. Er ist absolut frei in seinen Plänen und Entschlüssen. So wie er in freier Tat seiner Liebe die Welt und den Menschen erschaffen hat, so hat er auch im freien Ratschluß der Liebe und des Heiles seinen ewigen Sohn in diese Welt gesandt!

Gott hat sich der durch die Sünde Adams gefallenen Menschheit erbarmt, um ihr wieder das Heil zu schenken! Gott ist ein Mensch geworden, damit wir Menschen zu Kindern Gottes werden. Er schenkt uns Anteil an seinem göttlichen Leben. Die menschliche Natur wird dadurch vervollkommnet und veredelt. Wenn ein Baum veredelt wird, so verliert er nichts an seinen guten Eigenschaften, sondern im Gegenteil: Er kommt zu seiner eigentlichen Entfaltung. Ähnlich ist es bei der Vergöttlichung des Menschen durch die Gnade Gottes: Unser Menschsein ist unendlich kostbar und wertvoll geworden, seit der Sohn Gottes eine menschliche Natur angenommen hat. Alles Menschliche hat der Sohn Gottes angenommen, um alles in seiner Liebe zu heilen von der Sünde und ihren Folgen. Die Kirchenväter kannten das Prinzip: "Quod non est assumptum, non est sanatum." - "Was nicht angenommen worden ist, ist nicht geheilt worden." Nun hat Gott aber alles angenommen, was des Menschen ist. So hat er den Menschen von Grund auf erneuert. Der alte Mensch ist gestorben, der neue Mensch lebt durch die Gnade des Erlösers Jesus Christus!

Jesus Christus gab allen, die ihn durch Glaube und Taufe aufnehmen, die Macht, Kinder Gottes zu werden. Welch großes Geschenk haben wir durch die heilige Taufe empfangen! Wir sind befreit von der Erbsünde und mit der heiligmachenden Gnade beschenkt worden. Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, sondern wir sind es. Im Himmel wird die Herrlichkeit Gottes offenbar werden, die wir bereits empfangen haben.

Freilich tragen wir diesen Schatz des göttlichen Lebens in zerbrechlichen Gefäßen. Im Alltag muß sich bewähren und entfalten, was uns durch Gottes Liebe geschenkt ist. Aber wir sind nicht allein, sondern die Hilfe Gottes stärkt uns. Und wenn wir versagen, so können wir jederzeit umkehren und Vergebung finden. Auch die Fürbitte der Heiligen, besonders der Gottesmutter Maria und ihres Bräutigams, des heiligen Josef, steht uns bei. So hoffen wir zuversichtlich, daß wir einst in Ewigkeit Gott schauen und seine Liebe preisen dürfen. Amen.



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