Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis
(8. Februar 1998, Lesejahr C)

L 1: Jes 6,1-2a.3-8; L 2: 1 Kor 15,1-11; Ev: Lk 5,1-11


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Um die besondere Berufung einzelner Menschen durch Gott geht es in der heutigen ersten Lesung und im Evangelium.

Gewaltig ist das Geschehen, in dem der Prophet Jesaja von Gott erwählt wurde. Er durfte so, wie es für einen lebenden Menschen überhaupt möglich ist, den Herrn schauen, der auf einem Thron saß und dem die Serafim dienten. Sie riefen ihm das Dreimal-Heilig zu: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere." Der Mensch ist angesichts dieser Größe und Erhabenheit Gottes wie ausgelöscht. Und Jesaja ruft: "Weh mir, ich bin verloren." Er erkennt die eigene Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit. Gott aber kommt ihm in seiner Schwachheit zu Hilfe und reinigt ihn durch glühende Kohle, die einer der Serafim mit einer Zange vom Altar genommen hat. Nachdem ihn Gott selber vorbereitet hat, ergeht das Wort des Herrn an Jesaja: "Wen soll ich senden?" Der Prophet antwortet: "Hier bin ich, sende mich!"

In ähnlicher Weise erleben die Apostel ihre besondere Erwählung zum Dienst der Verkündigung des Evangeliums. In der Nähe Jesu erfahren sie das machtvolle Wirken Gottes. Sie erkennen plötzlich, wer Jesus ist, sodaß Petrus sagt: "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder." Denn Jesus hatte ein machtvolles Wunder gewirkt: Die Apostel hatten so viele Fische gefangen wie noch nie, und das zur Unzeit, entgegen allen Erwartungen und aller menschlichen Logik! Da spüren die Apostel die Heiligkeit Jesu und seine Macht und zugleich ihre eigene Unwürdigkeit.

Gott ist immer der souverän Handelnde. Ihm steht es zu, Menschen für einen besonderen Dienst zu erwählen, und er tut es auch. Jene Menschen, die von einer solchen Erwählung betroffen sind, haben freilich keinen Grund, sich über andere zu erheben: Denn sie spüren ihre eigene Schwachheit und Unfähigkeit mehr als andere. Doch Gottes Gnade wirkt in ihnen und ergänzt, was fehlt. Gerade in der menschlichen Schwachheit kommt Gottes Kraft zur Vollendung.

Betrifft das uns? Ja. Denn in einer ganz grundlegenden Weise sind wir alle von Gott berufen und persönlich erwählt durch die heilige Taufe. Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Gott hat zu einem jeden von uns persönlich Ja gesagt, und er hält dieses Ja für immer aufrecht!

Aber es gibt darüber hinaus noch besondere Berufungen in der Kirche. Es muß das Zeugnis der Ordensfrau oder des Ordensmannes geben, vor allem aber das Weiheamt des Priesters. Priester zu werden ist in der heutigen Zeit nicht leicht. Die medial vermittelte Öffentlichkeit präsentiert uns unaufhörlich ihre Einwände und Vorwürfe. Es ist so ganz gegen jede menschliche Logik, diesen Beruf zu ergreifen, so scheint es auch vielen Christen. Wie kann ein Mensch heute noch Ja sagen zu einem ehelosen Leben um des Himmelreiches willen? Kann er sich da entfalten und sein Lebensglück finden?

Es gibt darauf nur eine Antwort: Das Hinhören auf das Wort des Herrn, der auch in der heutigen Zeit junge und auch ältere Menschen beruft, ihm in besonderer Weise zu dienen, im Priester- und im Ordensstand. Ihnen allen gilt die Verheißung: Ich bin bei dir, ich stärke dich und stehe dir bei. Einen geistlichen Beruf zu ergreifen unterscheidet einen Menschen zwar von den übrigen und grenzt ihn in gewisser Weise ab. Doch ist diese besondere Gott-Zugehörigkeit wieder fruchtbar und segensreich für die ganze christliche Gemeinde, für die ganze Kirche!

Es gibt kein Gegeneinander, sondern nur ein Miteinander. Einer soll dem anderen dienen. In der Vielfalt der Charismen, Berufungen und Talente soll die Kirche auferbaut werden zum Lobe Gottes und zum Heil der Menschen.

Beten wir, daß auch in der heutigen Zeit Menschen die Kraft bekommen, auf den Ruf Gottes mit großmütigem Herzen zu antworten und ihr Ja zu sagen. Wer sich ganz einläßt auf diesen Ruf Gottes, der wird trotz allen Verzichts seine menschliche und christliche Erfüllung finden.

Die Jungfrau und Gottesmutter Maria, die in allem für Gott verfügbar war, möge auch uns öffnen für das Wirken der Gnade Gottes! Dann werden wir unsere persönliche Berufung als Christen erkennen und leben, und die Kirche wird wieder genügend geistliche Berufe haben. Amen.



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