Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt für den Sechsten Sonntag der Osterzeit
(17. Mai 1998, Lesejahr C)


L 1: Apg 15,1-2.22-29; L 2: Offb 21,10-14.22-23; Ev: Joh 14,23-29


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Zwei Wochen sind es noch bis Pfingsten. Und die Kirche läßt uns im Evangelium nach Johannes die Worte aus den Abschiedsreden Jesu vernehmen. Diese Worte hat Jesus im Abendmahlssaal gesprochen, bevor er für uns Menschen freiwillig das Leiden und den Tod am Kreuz auf sich nahm. Jesus bereitet die Apostel auf die Stunde seines Abschieds von dieser Welt vor, und er verheißt ihnen einen Beistand, der allezeit bei ihnen bleiben wird: den Heiligen Geist als Tröster.

Noch verstanden die Apostel vieles von dem nicht, was ihnen Jesus von seinem himmlischen Vater aus offenbarte und mitteilte. Doch er sagte: Der Heilige Geist "wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe."

Und so ist es dann auch eingetreten: Nachdem Jesus gestorben und am dritten Tag von den Toten auferstanden war, erschien er vierzig Tage hindurch den Jüngern und Aposteln. In dieser Zeit gab er ihnen verschiedenste Belehrungen und Anweisungen. Dann fuhr er in den Himmel auf ("Christi Himmelfahrt"). Am fünfzigsten Tag nach Ostern schließlich ("Pfingsten") wurde der Heilige Geist auf alle ausgegossen, die an Jesus glaubten. Dieser Geist hat die Apostel wirklich an alles erinnert, was Jesus gesagt und getan hatte. In den Evangelien wurden die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Jesu und seine Worte unter dem Beistand eben dieses Heiligen Geistes (Inspiration) getreu und ohne Beimischung von Irrtum aufgeschrieben.

Auch heute noch ist Jesus unter uns gegenwärtig im Heiligen Geist. Er bleibt bei seiner Kirche bis ans Ende der Zeiten und führt sie in alle Wahrheit ein. Das ist die große Verheißung: Wenn es auch Menschen sind, die an Jesus glauben und sein Evangelium verkünden, der Beistand des Heiligen Geistes bleibt der Kirche zugesagt bis ans Ende der Zeiten, sodaß sie im wahren Glauben nicht irre gehen kann. So ist die Kirche als Stiftung Christi und Werk Gottes von ihrem Wesen her unzerstörbar, trotz aller Stürme von innen und außen, die sie im Lauf der Geschichte zu erfahren hat.

Heißt das, daß wir uns als bereits glaubende katholische Christen nicht mehr zu bemühen brauchen um diesen Glauben? Keineswegs! Gerade in der heutigen Zeit ist mitunter ein erschreckendes Defizit in der Kenntnis grundlegender Glaubensinhalte festzustellen. Es scheint so, daß der Glaube vieler Menschen und das, was sie vom Glauben wissen, sozusagen "in den Kinderschuhen stecken geblieben" ist. Auf allen möglichen Lebensgebieten bilden sich die Menschen fort, aber der Bereich des Glaubens wird oft sträflich vernachlässigt. Wie steht es bei uns?

Bemühen wir uns doch um das regelmäßige, ja tägliche Gebet, vielleicht auch ab und zu auch um eine geistliche Lesung aus der Heiligen Schrift, aus dem "Weltkatechismus" oder einem guten religiösen Buch! Dann werden wir uns den Glauben, der der Kirche als ganzer zur treuen Bewahrung und Verkündigung übergeben ist, auch persönlich aneignen und daraus zu leben vermögen. Wir werden entdecken, daß unser Glaube eine Kraftquelle ist für das ganze Leben. Wir werden diese Freude aus dem Glauben auch mit anderen teilen wollen.

Da heißt es also ansetzen: Wenn der Mensch sich öffnet für das Wirken des Heiligen Geistes, wenn wir selber unseren Beitrag leisten, kann uns der Heilige Geist ergreifen und umwandeln zum neuen Menschen in Christus. Freilich ist auch das bescheidene Tun, das wir vollbringen können - diese Mitwirkung mit der Gnade Gottes eben - wiederum ermöglicht und getragen von der Gnade Gottes!

Versammeln wir uns auf geistige Weise im Abendmahlssaal wie die Apostel und Jünger, zusammen mit Maria und den gläubigen Frauen. Bitten wir Gott um das Geschenk des Heiligen Geistes - für uns selber, für unsere Familien und Freunde, für die Pfarrgemeinde, für die ganze heilige Kirche und für die Welt!

Der Geist der Liebe und des Friedens möge uns erfüllen und auf die Fürsprache Mariens das Antlitz der Erde erneuern. Amen.



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