Dr. Josef Spindelböck

Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel (15. August 2004)

L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56

Die aktuellen Messtexte finden Sie im Schott!

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Am heutigen Tag blicken wir in gläubiger Weise nach oben, in Gottes himmlische Herrlichkeit: Maria, die Jungfrau und Gottesmutter, wurde von Gott dem Herrn nach Vollendung ihres Lebenslaufes mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen! Der ganze Erdkreis jubelt, die Engel freuen sich und die Kirche Gottes mit ihnen.

Wahrhaft Großes ist damals geschehen, als Maria ihr Leben dem Schöpfer zurückgeben durfte: Ihr Leib brauchte die Verwesung nicht zu schauen, denn er wurde sogleich auferweckt und verherrlicht. Auf diese Weise ist an Maria durch die wunderbare Machttat Gottes Großes geschehen. Sie ist die erste von uns Menschen, die dem auferstandenen Herrn in seine himmlische Herrlichkeit nachfolgen darf. Nun nimmt sie teil an der Glorie des Auferstandenen, zu der auch wir gerufen sind!

Eben sind die Olympischen Spiele 2004 eröffnet worden: Heuer finden sie in Griechenland statt, wo der klassische Ursprung dieser Veranstaltung zu finden ist. Athleten haben sich bereits im alten Griechenland in einem religiös eingebetteten sportlichen Wettbewerb in der Kraft ihres Körpers gemessen und auf diese Weise Ruhm und Ertüchtigung gesucht, während viele aus dem Volk die Faszination des Wettkampfes als Zuschauer verspürten und mit trugen. Das Ideal des klassischen Griechentums und der römischen Antike war nicht nur der gesunde, kräftige Leib, sondern auch die in ihren Kräften entfaltete Seele: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Leib!“ war das Ziel.

Freilich war der Leib bei all seiner Herrlichkeit doch als hinfällig und vergänglich erkannt. Die Griechen bejahten zwar den Glauben an das Weiterleben einer unsterblichen Seele, sie konnten jedoch mit der Botschaft von der Auferstehung des Leibes, wie sie Paulus auf dem Areopag verkündete, nichts anfangen. Wenn Paulus davon sprach, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden und auf Erden erschienen war, dass er wirklich gelitten hatte und am Kreuz gestorben war, sowie dass er am dritten Tag von den Toten auferstanden war und damit auch für uns die Verheißung der Auferstehung gegeben ist – da konnten viele diese neue Lehre nur als „Geschwätz“ abtun und dem Apostel Paulus höflich, aber bestimmt bedeuten, sie wollten ihn darüber ein andermal hören. Die Lehre von der Auferstehung Christi und der aller übrigen Menschen erschien den Heiden als „Torheit“, ähnlich wie die Juden den Kreuzestod des Sohnes Gottes als „Ärgernis“ empfunden hatten.

Jeder Mensch sehnt sich nach der Vollendung seines Lebens, nach einem erfüllten und geglückten Leben. Gäbe es die Todesschwelle nicht, dann müsste diese Erfüllung im Diesseits liegen oder der Mensch würde irgendwann auf geheimnisvolle Weise zu Gott entrückt. Nun ist aber als Folge der Sünde der Tod in diese Welt eingekehrt. Gott hat die Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus von der Sünde und vom Tod erlöst. Der Tod ist besiegt, er hat keinen Stachel mehr. Wer an Christus glaubt und Gott sowie die Brüder und Schwestern liebt, ist vom Tod bereits zum Leben hinübergegangen. Er wird leben, auch wenn er stirbt. Uns allen ist die Teilnahme an der Auferstehungsherrlichkeit Christi verheißen!

Wer könnte auf diesem Hintergrund der von Gott geschenkten Heilsgnade überrascht sein, dass die Mutter Jesu Christi, die heilige Jungfrau Maria, die wir als die ohne Erbsünde empfangene und von jeder Sünde allzeit frei gebliebene wahre Mutter Gottes verehren, durch eine besondere Gnade Gottes bewahrt wurde auch vor der Verwesung ihres Leibes? Sie wurde nach Vollendung ihres Lebens mit Leib und Seele aufgenommen in die Herrlichkeit ihres Sohnes Jesus Christus, wo sie mit ihm und in Unterordnung unter ihn als Königin herrscht und uns in mütterlicher Liebe nahe ist.

Die Gnade und Herrlichkeit Mariens ist kein exklusives Privileg, sondern ein Zeichen der Hoffnung für uns alle: In Maria leuchtet die Vollendung des Menschseins auf. In ihr haben sich die gnädigen Pläne Gottes mit uns bereits verwirklicht. Auch wir dürfen auf Vollendung und Herrlichkeit hoffen. Auch unser Leib, der sterbliche, wird einmal auferweckt werden, wenn Christus wiederkommt in Herrlichkeit.

Wir können uns die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes nicht vorstellen, und doch glauben wir daran, dass er Wunderbares für jene bereitet hat, die ihn lieben. Empfehlen wir uns der Fürbitte der Jungfrau und Gottesmutter Maria, die mit ihrem mütterlichen Schutz auch unser Leben gut zu Gott hin begleitet, der ewigen Vollendung entgegen. Das möge einmal unsere Medaille sein, unser Siegeskranz, wenn wir von Gott das ewige Leben empfangen! Amen.

 

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