Dr. Josef Spindelböck

Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten 2000) – in der Heiligen Nacht

Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Die heilige Stunde ist gekommen, in der die Kirche voll Freude versammelt ist und einstimmt in den Lobpreis der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade!“ Denn uns wurde ein Kind geboren, Jesus Christus, der Erlöser der Welt!

Auch wir sind jetzt hier in diesem Gotteshaus versammelt, weil wir spüren, daß Weihnachten mehr ist als geschmückte Christbäume, Austausch von Geschenken und familiäres Beisammensein. Für all das sind wir dankbar und froh, aber die eigentliche Mitte von Weihnachten ist doch unsere gemeinsame Freude darüber, daß Gott zu uns gekommen und Mensch geworden ist! Im tiefsten Sinn ist es also die Freude am „Christkind“, die uns alle vereint, ob klein oder groß.

Aber – wir wollen es fragen, obwohl es vielleicht mit unserer festlichen Stimmung nicht leicht vereinbar scheint – war das erste „Weihnachtsfest“ wirklich jene Idylle, wie wir uns das oft vorstellen? Gab es in jener heiligen Nacht keine Sorgen und Schwierigkeiten für die Heilige Familie? War einfach alles „eitel Wonne“? Wollten wir dies so annehmen, dann würden wir das Ereignis von Weihnachten auf die Ebene eines gut erfundenen Märchens herabstufen, an das wir selber gar nicht mehr glauben, dessen schönes Bild wir aber der feierlichen und erhabenen Gefühle wegen aufrecht erhalten wollten. Wir können sicher sein, daß eine derartig romantisch-unwirkliche Sicht nicht dem entspricht, was Weihnachten für uns als gläubige Christen bedeuten soll!

Denn unzweifelhaft waren die äußeren Bedingungen ganz und gar nicht dazu angetan, eine „Feststimmung“ aufkommen zu lassen: Maria und Josef hatten einen weiten und beschwerlichen Weg hinter sich, da sie von Nazareth nach Bethlehem gezogen waren, um für die Volkszählung bereit zu sein. Dort angekommen stellte sich ihnen die Schwierigkeit, ein Quartier zu finden. Sie wurden abgewiesen! Was nun? Gleichsam als letzte Ausweiche wurde ihnen eine Notunterkunft in einem Stall oder in einer Höhle zugewiesen, wo normalerweise Tiere ihren Unterstand haben. War das romantisch?

Dazu kam, daß Maria und Josef nicht viel besaßen; sie waren ehrenhafte, aber arme Leute, die nur einen Reichtum bei sich trugen: ihre gegenseitige Liebe, die stark und rein war wie sonst keine, sowie ihr unbedingtes Gottvertrauen in jeder Lage ihres Lebens, auch in äußerster Not!

So verstanden – das heißt, mit den Augen des Glaubens gesehen – waren sie in einer besseren und glücklicheren Lage als jene, die zwar alles Mögliche besitzen und dennoch in ihrem Herzen ruhelos und unglücklich sind, weil ihnen das eine Notwendige fehlt: der Friede mit Gott, mit sich selber und den Mitmenschen.

Maria und Josef hüteten ein Geheimnis: es war das Wissen um jenes göttliche Kind, das Maria unter ihrem Herzen trug und das bald zur Welt kommen sollte. So war in aller äußeren Widrigkeit doch eine tiefe Freude und Zuversicht in ihrem Herzen anwesend, wodurch sie alles bestehen konnten, was auf sie zukam. Auf diese Weise erlebten sie diese heilige Nacht gewiß nicht als romantische Idylle fernab vom wirklichen Leben, wohl aber als das gnadenhaft-verborgene und doch herrliche Eintreten Gottes in diese Welt.

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit der Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.“ Wer durfte als erster davon erfahren? Im ehrfürchtigen Schweigen und in dankbarer Freude beteten Maria und Josef das göttliche Kind in der Krippe an, für das sie nun sorgen sollten. Es war kein königlicher Hof anwesend, denn Herodes und seine Anhänger hatten sich gegen das Kind verschworen und wollten die Geburt dieses Kindes nicht anerkennen. Allein die Engel waren unsichtbar zugegen, ja der ganze Himmel war gleichsam offen und lobte und pries Gott, der sich in unendlicher Liebe so weit erniedrigt hatte und Mensch geworden war!

Nicht auf den Wegen moderner elektronischer Information gelangte die Weihnachtsbotschaft zu den anderen Menschen, sondern von Engeln wurden einfache Hirten auf dem Felde als erste dazu eingeladen, dem Kind von Bethlehem ihren Besuch abzustatten. Vor Gott zählt nicht der Adel der Geburt oder der materielle Reichtum, auch nicht die Macht oder die Klugheit dieser Welt, sondern die Offenheit und Bereitschaft des Herzens. Um dem göttlichen Kind zu begegnen, braucht es das Vertrauen und den Glauben jener, die in ihrem Herzen vor Gott im Geist der Kindschaft leben. Dann öffnet sich der Himmel, und der Glaube schaut Dinge, die der irdisch gesinnte Mensch nicht wahrnehmen kann.

Ein neues Zeitalter hat begonnen mit der Geburt Christi vor 2000 Jahren. Gekommen ist die Vollendung der Zeit, denn nun steht fest: Die Menschheit hat einen Erlöser! Es gibt einen Retter von der Sünde, von Leid und Tod, der uns ewiges Leben schenkt. Mit seiner Liebe hat er radikal ernst gemacht, indem er sich auf die gleiche Stufe mit uns gestellt hat, um uns in seiner Menschwerdung in allem gleich zu werden, außer der Sünde.

Lassen wir in dieser Stunde der Heiligen Nacht unser Herz sprechen und entdecken wir die wahren Werte des Menschseins! Weihnachten bedeutet: Unser aller Leben ist unendlich wertvoll, weil Gott selber Mensch geworden ist.

Nehmen wir alles in Dankbarkeit an, was uns Gottes Liebe zuteil werden läßt. Ja, vertrauen wir darauf, daß uns die erste Ankunft des Erlösers Unterpfand ist für sein ewiges Kommen in Herrlichkeit, auf das wir alle zugehen und das wir in Freude und Hoffnung erwarten. Amen.

 


SANKT JOSEF - stjosef.at