Dr. Josef Spindelböck

Predigt bei der Fatimafeier
am 13. Mai 2002 in Maria Laach am Jauerling

 

L 1: Apg 1,6-14; Ev: Lk 8,19-21
(“Maria im Abendmahlssaal”, Meßbuch für Marienmessen Nr. 17)

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Als Jesus in den Himmel aufgefahren war, versammelten sich die Apostel und Jünger zusammen mit den glaubenden Frauen sowie mit Maria, der Mutter Jesu, im Abendmahlssaal. Sie beteten volle neun Tage lang um das Kommen des Heiligen Geistes, der ihnen vom Herrn verheißen worden war. Am Pfingsttag schließlich geschah das Wunder der Herabkunft des Heiligen Geistes in Gestalt von Feuerzungen und unter Sturmesbrausen auf alle, die versammelt waren!

Wenn wir heute am 13. Mai, dem von der Kirche neu eingeführten „Gedenktag Unserer Lieben Frau von Fatima“, die Messe „Maria im Abendmahlssaal“ feiern, dann wird uns deutlich bewußt, daß zur Kirche Christi von Anfang an die Gottesmutter Maria dazugehört. Sie ist anwesend gleichsam im Herzen der Kirche. Dort, wo man einmütig versammelt ist in Liebe und Frieden und im vertrauensvollen Gebet, dort finden wir auch Maria. Sie ist die große Beterin im Herzen der Kirche.

Wenn wir beten, so ist unser Gebet oft und vor allem ein Bittgebet. Gott um etwas zu bitten ist nicht falsch, sofern wir die rechte Ordnung des Betens einhalten. Denn zu allererst sollen wir danken für alles, was Gottes Liebe uns bereits geschenkt hat. Maria hat diese Ordnung des Betens in ihrem Leben stets beachtet. Denken wir nur an ihr Lob- und Preislied des Magnificat, in dem sie den Herrn gepriesen hat, der herabgeschaut hat auf die Niedrigkeit seiner Magd. Anbetung, Dank und Lob Gottes müssen immer an erster Stelle stehen! Erst dann kommt die Bitte.

Um was aber sollen und dürfen wir Gott bitten? Weil wir von Gott zu einem übernatürlichen Ziel geschaffen sind, nämlich für die ewige Anschauung Gottes in der himmlischen Seligkeit, darum ist es gut und recht, daß wir Gott um all das bitten, was uns dazu hilft, das ewige Leben bei Gott zu erlangen. Irdische Güter mögen wertvoll und bedeutend sein, aber nicht immer sind sie geeignet, uns wirklich voranzubringen auf dem Weg zu Gott. Wollte also jemand einfach darum beten, daß er reich wird an materiellen Gütern, so wäre das kein Gott wohlgefälliges Gebet. Jesus sagt ja einmal: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“ (Mk 8,36 f) Wir sollen daher immer in der Weise beten, daß wir sagen: Gott, dein Wille geschehe!

Eben dies hat Maria in hervorragender Weise in ihrem Leben gezeigt und verwirklicht. Sie hat Ja gesagt zum Willen Gottes bei der Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist. Sie hat Ja gesagt, als ihr Sohn herangewachsen und dann öffentlich aufgetreten ist. Maria hat Ja gesagt bis unter das Kreuz und auch dann noch, als sie den Leichnam Jesu in ihren Armen hielt. Ihr Bitten war immer ganz Gott wohlgefällig, weil es ausgerichtet war auf das letzte Ziel. Sie wollte nur eines: daß Gott verherrlicht werde, daß ihr Sohn Jesus angenommen werde von den Menschen, daß sie auf ihn hören und an ihn glauben und so gerettet werden!

Wenn wir Gott um die Gabe des Heiligen Geistes bitten, so ist all das eingeschlossen, was wir wirklich brauchen in unserem Leben. Solches Gebet zielt auf das Wesentliche, und es wird sicher erhört. Wir brauchen doch alle den Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit, den Geist des Rates und der Stärke, sowie den Geist der Furcht des Herrn. Solches Beten ist Gott stets wohlgefällig, wie wir am Beispiel der jungen Kirche sehen, die versammelt war im Abendmahlssaal, zusammen mit Maria, der Jungfrau und Mutter des Herrn.

Immer dann, wenn Maria mit uns betet, wird unser Gebet auf unfehlbare Weise erhört. Darum hat man Maria auch die „fürbittende Allmacht“ genannt. Natürlich, sie ist ein Mensch wie wir alle. Aber weil sie die Mutter Gottes sein darf und in einer unübertrefflichen Nähe zu Gott steht und weit über alle Geschöpfe in der Herrlichkeit des Himmels erhoben wurde, darum ist ihr Gebet auch so wirksam. Nichts anderes drückt ja auch das Gebet und Lied „Milde Königin, gedenke“ aus: Es ist noch nie gehört worden, daß jemand, der zu Maria seine Zuflucht nahm, bei ihr nicht Erhörung gefunden hätte. Jesus Christus schaut auf die Bitten, die wir in Einheit mit seiner Mutter vor ihn bringen.

So wollen wir uns der Pfingstnovene der Kirche anschließen und in diesen Tagen besonders um das Kommen des Heiligen Geistes beten. Der Geist Gottes erneuere unser Herz, er gebe uns eine klare Erkenntnis unserer Armseligkeit und Sündhaftigkeit, aber noch mehr der göttlichen Güte und Barmherzigkeit. Der Heilige Geist treibe uns an zum Guten, er entfache das Feuer der Liebe zu Gott und zu den Menschen in unserem Herzen. Der Heilige Geist helfe uns, daß wir ernst machen mit unserem Taufversprechen, daß wir die Firmgnade wirksam werden lassen in unserem Leben. Der Heilige Geist lasse uns jeden Tag, ja jede Stunde und sogar jeden Augenblick entdecken, wie groß und wie gut Gott der Herr ist und wie nahe er uns sein möchte. Auf diese Weise wird unser Leben wertvoll und kostbar. So können wir unser ganz persönliche Lebensaufgabe entdecken und leben.

Wenn die Kirche Österreichs dieses Jahr als „Jahr der Berufung“ begeht, dann ist es auch an der Zeit, den Heiligen Geist zu bitten, daß er viele Menschen zum Priester- und Ordensstand berufen möge und den Berufenen die Kraft gibt, daß sie ihr Ziel erreichen und Gott und den Menschen in Freude dienen. Wir beten aber auch um gute Ehen und Familien, denn auch hier soll die Heiligkeit gelebt werden. Gerade das Rosenkranzgebet kann uns helfen, vor Gott still zu werden und den Ruf Gottes im Herzen zu spüren und zu erkennen. Dann aber gilt es, diesem Ruf auch in Freude und bereiten Herzens zu folgen!

Der Heilige Geist ist der Geist der Liebe und des Friedens, und so wollen wir entsprechend der Bitte der Gottesmutter in Fatima immer wieder um den Frieden beten: in unseren Herzen, in den Familien, bei allen Völkern, in der ganzen Welt. Gerade für das Heilige Land wollen wir diesen Frieden Gottes erbitten!

Überall dort, wo Maria mit Liebe angerufen und verehrt wird, lebt die Kirche Gottes auf. Ihrem mütterlichen Schutz dürfen wir uns ganz persönlich anvertrauen. Nichts anderes meint ja die „Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens“: Wir übergeben uns ganz der Jungfrau und Gottesmutter Maria, damit sie uns in Liebe einschließe in ihr Herz und so zu Gott führe! Das haben ja die Päpste schon wiederholt für die ganze Kirche getan, und auch unsere Diözese ist der Gottesmutter Maria geweiht. An uns liegt es, daß wir uns diese Weihe zu eigen machen, nicht nur mit Worten, sondern noch mehr in unserem Leben.

So gehen wir unseren Weg durch dieses irdische Leben in Freude und Zuversicht, auch dann, wenn wir so mancherlei Prüfungen und Nöte erfahren. Gott hat uns allen ein wunderbares Ziel bereitet. In der Kraft des Heiligen Geistes dürfen wir dieses Ziel im Glauben erkennen und darauf zugehen in der Gesinnung der Hingabe und in Werken der Liebe. Möge uns die Fürsprache Mariens helfen, allezeit den Eingebungen des Heiligen Geistes zu folgen und so in der Liebe zu wachsen, bis wir das Vollalter Jesu Christi erreicht haben so und in die ewige Herrlichkeit bei Gott eingehen dürfen! Amen.

 

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SANKT JOSEF - www.stjosef.at