Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Fest der Heiligen Familie
am 31.
Dezember 2000 (C)
L 1: Sir 3,2-6.12-14 oder 1 Sam 1,20-22.24-28;
L 2: Kol 3,12-21 oder 1 Joh 3,1-2.21-24; Ev: Lk 2,41-52
Alle Meßtexte online im Schott-Meßbuch
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wer gehört zu einer Familie? Diese harmlos anmutende Frage, die wir nicht nur am „Fest der Heiligen Familie“ stellen können, läßt sich in der modernen Welt gar nicht mehr so leicht beantworten. Freilich, die bisher gültige Antwort, die von der Kirche auch weiterhin als maßgeblich und verbindlich betrachtet wird, wird noch von vielen geteilt: Die Familie entsteht aus der ehelichen Gemeinschaft von Mann und Frau, die in Liebe Sorge tragen für die ihnen von Gott geschenkten Kinder.
Um die Problematik zu veranschaulichen, sollen einige Beispiele angeführt werden, die zeigen, daß diesem Idealbild der Familie die Wirklichkeit nicht immer entspricht: Es gibt sogenannte „unvollständige Familien“, bei denen entweder durch Tod, Unglücksfall oder tragische Trennung der Eltern oder eines Elternteiles die ursprüngliche Einheit verlorengegangen ist oder die nie als „ganze“ Familien bestanden haben, wenn z.B. eine unverheiratete alleinerziehende Mutter für ihre Kinder aufkommen muß. Es gibt auch familiäre Gemeinschaften, in denen zwar alle nötigen Personen vorhanden sind (Eltern, Kinder), die aber dennoch eine gewisse Vorläufigkeit aufweisen, weil z.B. die Eltern (noch) nicht verheiratet sind, wenigstens nicht kirchlich. Das soll einfach zur Sprache gebracht werden, ohne damit eine Abwertung betroffener Personen vorzunehmen. Es kann sehr schwierige Lebensumstände geben, und niemand weiß, wie es uns ergehen würde, wenn wir in einer solchen Lage wären! Niemand, der in solchen Familien und familiären Gemeinschaften lebt, soll daher ausgeschlossen sein von unserer Liebe und Sorge. Darüber hinaus ist auch zu bedenken, daß auch in Familien, wo nach außen hin alles in Ordnung zu sein scheint, dennoch ein innerer Riß vorhanden sein kann: Friedlosigkeit, Streit, Unverständnis, Egoismus – all das findet sich mitunter in den „besten“ Familien!
Und dennoch: Der heutige Sonntag der Heiligen Familie ist ein Bekenntnis dazu, daß Gott „Ja“ sagt zur Familie. Er möchte, daß die Menschen in Liebe miteinander verbunden sind. Es entspricht seinem Schöpfungs- und Heilsplan, daß Mann und Frau das eheliche Jawort zueinander sagen und Kindern das Leben schenken, die sie im christlichen Geist erziehen wollen.
Als der Sohn Gottes Mensch geworden ist, da wählte er sich eine Mutter aus, die ihm das leibliche Leben schenken sollte: die heilige Jungfrau Maria. Er suchte einen Mann, der ihm in väterlicher Liebe beistehen sollte: den heiligen Josef. Nur im Schutz und in der Geborgenheit einer Familie wollte Gottes Sohn Mensch werden. Ja, wir dürfen sagen: Die Menschwerdung zeigt sich gerade darin in einer letzten und äußersten Konsequenz, daß der Sohn Gottes ganz eingegangen ist eine menschliche Familie.
Als Jesus später umherzog und das Evangelium verkündete, da war er selbst ehelos „um des Himmelreiches willen“ und rief auch andere Menschen in diese seine besondere Nachfolge. Das war aber nicht mit einer Abwertung von Ehe und Familie verbunden. Im Gegenteil: Jesus Christus hat den ursprünglichen Schöpfungsplan Gottes erneuert und ihn den Menschen in seiner ganzen Schönheit verkündet. Mann und Frau sind nach Gottes Abbild geschaffen und sollen einander in Liebe ergänzen. Sie sollen in ehelicher Verbindung „ein Fleisch werden“ und Kindern das Leben schenken. Dieser ihr Bund ist von Gott geheiligt und stellt gleichsam die Urzelle von Kirche und Gesellschaft dar. Ohne Familien kann kein menschliches Zusammenleben auf Dauer bestehen!
Es hat im Lauf der Geschichte bis heute Bestrebungen gegeben, die gottgewollte Ehe und Familie zurückzudrängen zugunsten anderer Gemeinschaften. Das Resultat war immer, daß derartig konzipierte Gesellschaften nicht lebensfähig waren. Wo die Familie fehlt, können grundlegende Werte des Zusammenlebens nicht mehr weitergegeben und entwickelt werden. Die Familie ist die Schule der Ehrfurcht und der Achtung, der Nächstenliebe und der Toleranz. Wenn möglich, so sind Mehrkindfamilien ein großer Segen – vorausgesetzt natürlich, daß die Rahmenbedingungen stimmen! Entscheidend sind hier nicht die materiellen Grundlagen, sondern die Annahme von Kindern in Liebe.
Es ist daher unser aller Aufgabe, für gute Familien einzutreten und ein Klima zu schaffen, das familienfreundlich ist. Wir Christen glauben und bekennen uns zum Gott der Liebe und des Lebens! Gott selbst ist ja ewige Gemeinschaft der Liebe. Die Familie auf Erden soll ein lebendiges Abbild davon sein.
All das sehen wir in der Heiligen Familie von Jesus, Maria und Josef verwirklicht. Sie hatten es nicht immer leicht, aber sie haben alles durchgestanden in der gegenseitigen Liebe und im Vertrauen auf die Macht Gottes. Kann uns das nicht auch ein Ansporn sein? Nehmen wir die Heilige Familie von Nazareth herein in unser Leben! Bleiben wir in Liebe verbunden mit Jesus Christus, auf die Fürsprache der heiligen Jungfrau Maria und des heiligen Josef. Seien wir überzeugt, daß uns die Hilfe Gottes niemals fehlen wird, wenn wir nur darauf vertrauen!
Wahrer Familiensinn verbindet sich mit der Offenheit für die Mitmenschen, wo immer wir ihnen begegnen. So lautet die gläubige Hoffnung der Christen, daß wir am Ende unseres Lebens alle bei Gott vereint sind in der großen Familie der Kinder Gottes! Dann werden wir ein Herz und eine Seele sein, und ein jeder freut sich am Glück des anderen. Gott selber wird unsere Freude sein, denn er ist unser guter Vater. Ihn preisen wir durch seinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist, jetzt und in Ewigkeit. Amen.