Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

 

Predigt am Weihetag der Lateranbasilika
Sonntag, 9. November 1997 (= 32. So. i. Jkr.)

 

L 1: Ez 47,1-2.8-9.12; L 2: 1 Kor 3,9c-11.16-17; Ev: Joh 2,13-22

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Am 9. November - heuer der 32. Sonntag im Jahreskreis - feiert die Kirche auf der ganzen Welt den Weihetag eines besonders bedeutenden Gotteshauses: nämlich der Lateranbasilika in Rom. Diese Kirche ist die älteste Papstkirche und wird als "Mutter und Haupt aller Kirchen des Erdkreises" bezeichnet. Denn nach unserem katholischen Glauben unterstehen alle Teilkirchen oder Diözesen dem Vorsitz der Kirche von Rom, deren Bischof der römische Papst ist.

Die Lateranbasilika wurde im Lauf der Jahrhunderte durch Brand, Erdbeben und Plünderungen wiederholt beschädigt, doch immer wieder restauriert. Wenn wir von Restaurierungen hören, dann denken wir natürlich an unsere Pfarrkirche in Ybbs, deren Innenrenovierung zügig ihrem wesentlichen Abschluß entgegengeht. (Im benachbarten Säusenstein hat man die Außenrenovierung gut hinter sich gebracht und feiert dies heute in einem feierlichen Festgottesdienst mit Weihbischof Dr. Heinrich Fasching.)

Das äußere Bauwerk einer Kirche ist immer ein Bild für die eigentliche Kirche Christi, die aus lebendigen Bausteinen besteht, nämlich aus den an Jesus Christus glaubenden Menschen. Die Kirche ist mehr als ein Haus aus Steinen! Sie ist lebendige Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe. Das will und soll uns jedes Kirchweihfest zum Bewußtsein bringen. Denn wir alle sind Glieder der Kirche. Wir gehören aufgrund der Taufe zur Gemeinschaft jener, die im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, mit Gott und untereinander verbunden sind.

Auf diese Weise ist die Kirche mehr als eine soziologisch feststellbare Größe, mehr als eine Gruppe oder ein Verein in der bürgerlichen Gesellschaft, auch mehr als eine religiöse Gesinnungsgemeinschaft. Die Kirche ist von ihrem eigentlichen Ursprung her das Werk Gottes, der die Kirche gewollt hat und ihr eine bleibende Grundgestalt gegeben hat. Sie ist die Stiftung Christi, der sie begründet hat. Sie ist das Heiligtum des Geistes Gottes, der ihr unzerstörbares Leben verleiht und sie sicher leitet auf ihrem Weg durch die Zeit. Wenn wir vielleicht auch unter manchem Sündhaften und allzu Menschlichen in der Kirche leiden, so wollen wir doch nicht vergessen, daß wir zur Kirche des lebendigen Gottes gehören dürfen. Dies soll uns mit innerer Freude und mit Dankbarkeit erfüllen. Nicht wir "machen" die Kirche: Gott selbst ist es, der sie durch seine Liebe als Gemeinschaft des Heiles begründet hat und sie der ewigen Vollendung im Reiche Gottes entgegenführt.

Als dem heiligen Franz von Assisi im verfallenen Kirchlein von San Damiano vom Kreuz herab unser Herr Jesus Christus den Auftrag gab: "Baue meine Kirche wieder auf!", da verstand er dies zunächst ganz buchstäblich: Er restaurierte mit viel Liebe dieses Kirchlein. Später erkannte er, daß er zusammen mit anderen Menschen berufen war, die Kirche seiner Zeit in Liebe und Heiligkeit zu erneuern. Indem er mit seinen Freunden und in Verbundenheit mit der kirchlichen Autorität des Papstes und seines Bischofs versuchte, das Evangelium wieder radikal zu leben, trug er dazu bei, daß die Gestalt der Kirche Gottes auf Erden in Heiligkeit neu erstrahlte.

Wenn vor kurzem die Kirche in Assisi von einem Erdbeben schwer beschädigt wurde und jetzt wieder hergestellt wird, so ist das vielleicht auch ein Bild für uns Christen in der heutigen Zeit: Die Kirche bedarf zu allen Zeiten der inneren Erneuerung und der Umkehr ihrer Glieder, der Christen. Wer über traurige Zustände klagt, die er nicht ändern kann, soll versuchen, bei sich selber zu beginnen! Mit der Gnade Gottes können wir das Werk der Heiligung in uns zur Vollendung führen. Nur so haben die Heiligen die Kirche erneuert.

Wir wollen an diesem Fest auch daran denken, wie sehr die katholische Kirche das Papsttum in Rom braucht. Für manche ist es ein Ärgernis, und dennoch ist es Gottes Wille, daß ein schwacher, sterblicher Mensch als sichtbarer Stellvertreter Christi die Kirche leitet. Jesus, der Herr, hat den Petrus dazu eingesetzt und auch seinen Nachfolgern den Auftrag gegeben, die Herde Gottes zu leiten. Beten wir für den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II., daß er seinen Aufgaben für die Kirche noch lange gut nachkommen kann!

Beten wir auch darum, daß die Zeit kommt, wo es nur mehr eine Herde und einen Hirten geben wird, wo die getrennten Christen in Wahrheit und Liebe eins sind nach dem Willen Christi. Unsere große Hoffnung aber ist es, daß Gott einst alle ihrer Berufung treu gebliebenen Getauften sowie alle Menschen guten Willens in der "Kirche des Himmels" vereinen wird zum ewigen Lobpreis der Liebe Gottes. Amen.



Zur Leitseite

WWW.STJOSEF.AT

Gemeinschaft vom heiligen Josef